Drúdir – Swantje Niemann

Im Steampunk-Zeitalter greifen die Zwerge nach der Weltherrschaft

Drúdir Dampf und Magie © Edition Roter Drache
Drúdir © Edition Roter Drache

Drúdir hat sein Leben lang seine magische Begabung verdrängt, denn Magie gilt im Industriezeitalter Kiarvas als rückständig und gefährlich. Die Zwerge in der Union wollen nichts mehr mit Magie zu tun haben, sondern setzen darauf, dass ihr technischer Fortschritt, die Dampfmaschine und die Elektrizität allen Zwergen ein Leben in Sicherheit und Wohlstand bringt. Doch nun wird der Uhrmacher mit der Ermordung seines Meisters Fragar konfrontiert. Da er den Fähigkeiten der Ordnungshüter in der Stadt Nordkrone nicht traut, will er selbst den Mörder finden. Und setzt dafür seine Fähigkeit ein, in der Aura von Verstorbenen deren letzte Minuten zu erleben.

Als die Polizistin Findra noch einmal an den Tatort zurückkommt, bietet sich ihr ein angsteinflößender Anblick: ein Zwerg mit leuchtenden Augen und in Eiskristalle gehüllt beugt sich über den Fundort des Ermordeten. Als sie ihre Pistole auf ihn richtet, türmt der Zwerg. Doch bei der Testamentseröffnung sieht sie Drúdir wieder und erfährt, dass er ebenfalls auf der Suche nach dem Mörder ist. Trotz massiver Vorbehalte gegen jegliche Art von Magie erkennt Findra, dass sie mit Drúdir bessere Chancen hat, diesen vertrackten Fall zu lösen. Drúdirs Erbe und ein Hinweis auf einen möglichen Auftraggeber führen beide nach Schwarzspiegel, der unterirdischen Zwergenstadt voller technischer Wunderwerke. Dort stoßen sie auf Elfen, die einen Abtrünnigen ihres Volkes suchen, auf eine verschwiegene Gemeinschaft von Magieforschern und auf Verschwörer, die vor keiner Abscheulichkeit zurückschrecken, um die Welt Kiarva in einen Krieg der Völker zu stürzen.

High Fantasy meets Steampunk –  konsequent umgesetzt

„Drúdir“ ist Steamfantasy pur. Wir befinden uns nicht im viktorianischen England, auch nicht im deutschen Kaiserreich, sondern in einer Welt bevölkert mit Zwergen, Elfen, Menschen, Dryaden und Gnomen (auch wenn letztere nicht in der Handlung vorkommen). Magiebegabte gibt es in jedem Volk, das Konzept mit magischen Verknüpfungen erinnert an das in der „Magierdämmerung“-Trilogie von Bernd Perplies. Swantje Niemanns grundlegende Idee zum Roman beruht darauf, eine tolkineske High Fantasy Welt die industrielle Revolution durchlaufen zu lassen. Das Ergebnis ist die Welt Kiarva und die Technik affinen Zwerge sind die treibende Kraft für das neue Zeitalter. Der Magie wird abgeschworen, sie gilt fortan als etwas Rückständiges und Böses.

Die Gewinner dieser Zeitepoche, die Zwerge, haben nach den Magierkriegen die Union gegründet, ein mächtiges, vermeintlich einiges und wohlhabendes Reich, das ihnen die Vorherrschaft in Kiarva sichert. Auf der Verliererseite befinden sich unter anderem die Elfen, die ihre magische Begabung und Kunstschätze pflegen und mit einer Mischung aus Abneigung und Staunen auf die technischen Errungenschaften der Zwerge schauen. Kein Wunder, dass die Königin Cirdayas die Talente ihres Volks nutzt, um eine Schwachstelle im System der Zwerge zu finden und diese um die Vormachtstellung der Union fürchten. Mitten in diesen heranwachsenden Konflikt hat Swantje Niemann einen mysteriösen Kriminalfall platziert, der sich als ein Kollateralschaden einer dämonischen Verschwörung von gierigen und skrupellosen Zeitgenossen herausstellt. Ein Quintett aus drei Zwergen und zwei Elfen versucht ein kaum abwendbar erscheinendes Unheil aufzuhalten und erlebt ein Abenteuer, das alle Register an Einfallsreichtum und Spannung zieht und auf jeder Seite fesselt.

„Nehmen wir uns einen Moment und erfreuen uns an der Tatsache, dass wir lebendig waren.“ [Drúdir, Position 6293]

Swantje Niemann hat ihre Phantastik-Welt Kiarva anschaulich beschrieben und mit vielen liebevollen Details bestückt, ohne in diesen Passagen die Handlung zu vernachlässigen. Der Weg der Elfe Kyrai zu einer Dryade führt durch einen wundersamen Wald, der schließlich die perfekte Kulisse für ein zwiespältiges Ritual bildet. Und auf der Flucht vor den Mördern erreichen die Gefährten den Schwarzspiegelsee in dem Moment, als sich vor ihnen der Zauber einer ganz besonderen Nacht entfaltet. Genauso erschafft man eine Atmosphäre zwischen Faszination und Bedrohung und führt dem Leser unmittelbar in die Wunder einer exotischen phantastischen Welt.

Ebenso lebendig hat Swantje Niemann ihre Charaktere in Szene gesetzt, die reihum die Story aus ihrer Sicht erzählen. Drúdir, der Hauptakteur, ist angesichts seiner Fähigkeiten, die ihn selbst tief verunsichern, ein eigenbrötlerischer Typ, der sich im Laufe der Handlung entwickelt und für Überraschungen sorgt. Die beiden Damen im Gefährten-Quintett, Findra und Svalris, sind toughe und gewitzte Zwerginnen, die die Autorin allerdings etwas deutlicher voneinander hätte abgrenzen dürfen. Am faszinierendsten sind die beiden Elfen. Sie gehören den Drasirai an, einer Spezialeinheit, die im Dienst der Elfenkönigin Spionage betreibt und wenn nötig auch tötet. Spöttisch wirkt Kyrais Hinweis, dass  Elfen häufig entweder dem Licht oder der Dunkelheit zugerechnet werden. Kyrai und Phandrael haben eine Menge dunkle Seiten und kämpfen doch für die Guten. Swantje Niemann vermeidet geschickt schlichtes Schwarz-Weiß, sogar bei den Verschwörern. Diese konstruieren eine Maschine des Bösen, die sich als besonders vielschichtig entpuppt.

„Dunkelelfen sind eine Fiktion….oder wäre es vielleicht besser zu sagen, dass die Lichtelfen eine Fiktion sind?“ [Kyrai, Position 6523]

Muss man bei Selfpublishern Abstriche in der sprachlichen Qualität machen?

Swantje Niemann zeigt in ihrem Roman „Drúdir“ das auch im Selbstverlag erschienene Bücher sprachlich überzeugen können. Zwar sind vor allem in den ersten Kapiteln einige Sätze übertrieben verschachtelt, was besonders in Dialogen unnatürlich wirkt. Zudem erscheinen einige Handlungsfolgen nicht ganz logisch. Doch man merkt wirklich, dass Swantje Niemann in diesem Roman immer mehr Gespür für sprachliche Finesse und einen eigenen Stil mit kraftvollen Metaphern und  originellen Bildern erworben hat. Es ist (noch) nicht jeder Satz perfekt und manche Wendung wird ein wenig überstrapaziert. Doch es überwiegen bei weitem treffende Formulierungen und wirklich schöne Passagen.

„Drúdir“ von Swantje Niemann hat mir eindrucksvoll bewiesen, dass es sich absolut lohnen kann, den Selfpublishern eine Chance zu geben. Die Autorin bot mir den Roman zur Rezension an und schon die Leseprobe (erhältlich bei neobooks) gab mir das Gefühl, auf einen wahren Leseschatz gestoßen zu sein. Dieser Eindruck hat sich nicht nur bestätigt, sondern noch gesteigert. Der Roman „Drúdir“ ist für mich bisher die Entdeckung des Jahres 2016. Ein innovatives und gut geschriebenes Steamfantasy-Buch, das ein großes Lesepublikum verdient.

Nachtrag Oktober 2016:

Inzwischen gibt es „Drúdir“ bei amazon auch als Taschebuch zu kaufen (CreateSpace Independent Publishing Platform).

Nachtrag Mai 2017

„Drúdir“ hat es geschafft😊. Mit dem Titel „Drúdir-Dampf und Magie“ veröffentlicht der Verlag Edition Roter Drache das Buch im Oktober 2017. Diese Rezension bezieht sich auf das E-Book, das im August 2016 veröffentlicht wurde. Die Daten zum Buch habe ich an die Verlagsausgabe angepasst.

Drúdir-Dampf und Magie
Swantje Niemann
Steampunk/Steamfantasy
Edition Roter Drache
Oktober 2017
392

Funtastik-Faktor: 85

Print Friendly

1 Gedanke zu “Drúdir – Swantje Niemann

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

%d Bloggern gefällt das: