Eine psychosomatische Reha ist kein Spaziergang, sondern eine Reise

Die Gestaltungstherapie führt uns nach Atlantis

Ich hatte nicht geplant auf phantastisch-lesen über meine psychosomatische Reha in Bad Kissingen zu schreiben. Das hat nichts mit Phantastik zu tun, dachte ich. Zu umfangreich für einen Blogartikel sind die Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen. Und zu persönlich. Was in Bad Kissingen passiert, bleibt in Bad Kissingen und in mir. Dachte ich. Doch ein besonderes Projekt, das im doppelten Wortsinn phantastisch ist und zugleich beispielhaft dafür steht, was in einer psychosomatischen Reha passiert, möchte ich Euch vorstellen. In Absprache mit jenen, die es mitgemacht haben, ohne sie namentlich zu nennen, bis auf einen.

„Statt Worte sprechen Bilder“

art-therapy©stux-pixabay

Die Kunst – oder Gestaltungstherapie ist eine Form der Psychotherapie. PatientInnen mit psychischen Erkrankungen haben hier die Möglichkeit, ihren Status durch eine künstlerische Arbeit auszudrücken. Zum Beispiel durch Malen oder Formen von Skulpturen aus Zeitungspapier oder Ton. Die Therapeutin oder der Therapeut mag seinen Patienten völlig freie Hand lassen oder ein Thema vorgeben. Oft steht eine Geschichte und innere Reise am Anfang einer praktischen Gestaltungsarbeit. Künstlerische Begabung ist nicht erforderlich, es geht um das darauf einlassen und ausprobieren. Nicht das Produkt steht im Vordergrund. Die wesentlichen Elemente in dieser Therapieform sind der künstlerische Prozess („die Hände machen lassen“) und die Nachbetrachtung in der Therapiegruppe. Unbewusst drückt der Gestalter in seinem Werk persönliche Gefühle und Stimmungen aus. Vielleicht ehrlicher, authentischer und damit aufschlussreicher, als im therapeutischen Gespräch. Die Teilnehmer in der Gruppe haben ein feines Gespür für das, was das Werk über den Gestalter aussagt und äußern sich unbefangen und direkt. Die therapeutische Interpretation des Kunstwerks nehmen Gestalter, Therapeut und Mitpatienten also gemeinsam vor, wodurch tiefgründige und multiperspektivische Analysen entstehen. Und Erkenntnisse, die unter die Haut gehen.

Das „Atlantis lebt“ Gruppenbild

Atlantis lebt © u.a. Eva Bergschneider

Im Rahmen einer Gestaltungstherapie ist das Gruppenbild „Atlantis lebt“ entstanden. Insgesamt zehn PatienInnen malten ohne eine thematische Vorgabe und ohne miteinander zu sprechen mit jeweils einer Farbe drauf los. Zuerst begrenzten sich die meisten auf ‚ihren‘ Bereich, um anderen nicht in die Quere zu kommen. Nach und nach wurde uns klar, dass es genau darum ging, das Werk der anderen mit der eigenen Farbe zu bereichern. Durch das dynamische und zugleich liebevolle Zusammenspiel der Gruppe entstand ein farbenfrohes und kräftiges Bild, das an „Flower Power“ und phantastische Welten erinnert. Im fertigen Kunstwerk sehen wir einen gelben Phönix mit Herz und Hirn, der über eine Landschaft im Wasser und über Land fliegt. Über Blumen, Algen, Seesterne, Frösche, Kaulquappen, Fische und Vögel. Über Wiesen und Wälder mit phantastischer Flora und Fauna. Ein Mund erzählt und singt die Geschichte von Atlantis, vom Leben, vom Frühling und vom Erblühen. Und das ist wörtlich zu verstehen.

 „Atlantis lebt“ © Theo Kalich

Atlantis in Poesie und Melodie

Theo Kalich, unter seinem Künstlernamen Theo live bekannt, ist Musiklehrer und Singer- und Songwriter. Theo präsentiert seine selbstkomponierten Lieder mit der Gitarre, der Mundharmonika und seiner Stimme, ganz im Stil von Bob Dylan. Inspiriert von den Titeln unserer Werke zum Thema Würde und den Kommentaren zum Gruppenbild, textete und komponierte er eine Song- Trilogie. Die Lieder tragen die Titel „ Atlantis lebt“, „Frühling über Atlantis“ und „Erblühen in Atlantis“.

Ich liebe diese Songs, die phantastischen und ausdrucksstarkenTexte und die emotionalen Klänge. Sie führen mich auf eine Traumreise der Fantasie, die ich nicht allein antrete. Sondern mit anderen teile, obwohl jeder sein eigenes inneres Atlantis bereist. Sie sind ein wenig traurig und melancholisch, aber auch ermutigend fröhlich und immer herzerwärmend.
Theos Atlantis-Trilogie erinnert mich daran, dass mich einzelne Menschen aus der Gruppe in ihr Herz ließen und ich dort mein Spiegelbild fand. Wir schenkten uns gegenseitig Rat, neue Perspektiven, Halt und Mut. Stellten uns gemeinsam unseren Dämonen und trotzten ihnen mit Licht, Farben, Formen, Worten und Klängen. Die Energie trug uns durch die Therapie und durch Raum und Zeit. Nach Atlantis.

 „Frühling über Atlantis“ © Theo Kalich

Atlantis begleitet mich nach Hause

Wir erschufen in der Gestaltungstherapie Kunstwerke, in denen weit mehr steckt als Form und Farbe, Text und Musik. Wir nahmen uns selbst und gegenseitig so an, wie wir sind. Und wurden Teil einer Gemeinschaft, die eine emotionale Eigendynamik entwickelte. Diese brachten wir gemeinsam im Gemälde „ Atlantis lebt“, in Theos Songtrilogie und nicht zuletzt in diesem Artikel zum Ausdruck. Jeder mit seinen künstlerischen Mitteln und geprägt durch individuelle Lebenswege, Stärken und Schwächen. Dies mitzuerleben war eine großartige Erfahrung, die die Gruppe über die Zeit der Reha hinaus zusammenschweißt und von der ich noch lange zehren werde. Sie offenbarte mir wichtige Dinge über mich selbst und über andere Menschen. Dafür danke ich allen Mitstreitern und einer wundervoll empathischen, fordernden und fördernden Therapeutin. Atlantis lebt in uns.

 „Erblühen in Atlantis“ © Theo Kalich

Informationen zum Thema Gestaltungstherapie fand ich hier:

Mehr über Theo live, seinen Veranstaltungskalender und weitere Songs findet ihr auf seiner Homepage. Er freut sich über Euren Besuch und Anfragen zu Gigs und Musikveranstaltungen.

Eva Bergschneider

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