Interview mit Judith und Christian Vogt

Über Abschied, Zukunft, Gender sensible Sprache und Solidarität

Wir sind ja Hopepunks, wir hoffen also einfach, dass Hoffnung etwas Ansteckendes ist.

Das Interview mit Judith und Christian Vogt hätten wir gern in Leipzig vis-à-vis geführt. Die Covid-19 Pandemie hat nicht nur zur Absage der Buchmesse und vieler anderer Veranstaltungen geführt, sondern unseren Alltag durcheinandergewirbelt. Umso mehr freue ich mich, dass sich Judith und Christian die Zeit genommen haben, um die Interviewfragen zu beantworten.

phantastisch-lesen: Als erstes eine Frage, die vielen aus dem Business gerade unter den Nägeln brennt: Fandet ihr es richtig, die Leipziger Buchmesse abzusagen? Und was bedeutet das für Euch?

James A. Sullivan, Judith und Christian Vogt auf der BuCon2019 © Eva Bergschneider

Judith und Christian Vogt: Das fanden wir absolut richtig, wie ja gerade die weitere Entwicklung zeigt. Für uns bedeutete das nur, dass wir Leute, die wir gern wiedergesehen hätten, erst mal weiterhin nur online sehen. Wir wissen natürlich, dass die Umsatzeinbußen für die Verlage nicht zu unterschätzen sind. Aber momentan steht ja fast alles still. Da wird sich nach der Krise gesamtgesellschaftlich und politisch etwas tun müssen für alle, die nun um ihre Existenz fürchten.

phantastisch-lesen: Kommen wir zu Euch. Ihr seid miteinander verheiratet und schreibt die meisten eurer Bücher zusammen. Wenn ihr Euch gegenseitig als Schriftsteller und Schriftstellerin betrachtet: Was ist die größte Stärke des anderen? Und woran sollte der oder die andere noch arbeiten?

Judith und Christian Vogt: Wir haben eine gemeinsame Stärke: Wir haben Lust auf dieselben Arten von Geschichten, wissen, wo die Kompetenzen des jeweils anderen liegen, und erkennen das auch an. Dadurch klappt das gemeinsame Schreiben. Denn bei den eigenen Ideen zur Entwicklung eines Romans sind nicht selten Emotionen im Spiel. Was alles andere angeht: das müssen die Leser*innen bewerten.

phantastisch-lesen: Wie teilt ihr Euch die Schreibarbeit auf? Wer macht was, wenn ihr ein Buch verfasst?

Judith und Christian Vogt: Wir planen die Handlung gemeinsam, und dann schreiben wir halbwegs chronologisch. Judith schreibt dabei zwischen 70 und 90 %, und Christian sucht sich auf dem Weg Szenen aus, die er gern schreiben würde. Da er noch als Physiker im Brotjob arbeitet und Judith hauptberuflich Freelancerin ist, funktioniert es so am besten. Wenn wir fertig sind, lesen wir uns noch gegenseitig Korrektur, um den Schreibstil aneinander anzupassen.

Der Krumme Mann der Tiefe © Bastei Lübbe

phantastisch-lesen: Kommen wir zu Euren Büchern. Gerade ist mit „Die 13 Gezeichneten – Der Krumme Mann der Tiefe“ das Finale einer Trilogie erschienen. Ihr habt Euch einige Jahre mit dieser Welt und Geschichte beschäftigt und viele Seiten beschrieben. Fiel es Euch leicht, von dem Abenteuer und den Figuren Abschied zu nehmen?

Judith und Christian Vogt: Nein, überhaupt nicht! Es war sogar sehr schwierig. Manchmal gucken wir uns noch traurig an und denken an bestimmt Figuren.

phantastisch-lesen: Welche Figuren sind Euch leicht von der Hand gegangen? Und welche nicht?

Judith und Christian Vogt: Bei den „13 Gezeichneten“ sind uns alle Figuren leicht von der Hand gegangen. Es hat ja sehr viele Protagonist*innen, ist ein richtiger „Ensemble-Roman“, und die Charaktere waren inklusive des Antagonisten irgendwie da und schrieben sich wie von selbst.

phantastisch-lesen: Wie kam die Idee zu der Trilogie zustande? Was hat Euch daran gereizt, Historie und Fantasy zu verbinden?

Judith und Christian Vogt: Ursprünglich kam uns die Idee, etwas über eine Rebellion zu schreiben, da hatten wir noch gar kein historisches Setting im Kopf. Letztlich wollten wir aber aus mehreren Gründen schon seit einigen Jahren in einem Napoleon-Krieg-und-Frieden-artigen Setting schreiben. Ein Projekt, das eher slawisch/baltisch angehaucht war, fand keinen Verlag. Also näherten wir uns Mitteleuropa wieder stärker an und nahmen das Handwerksthema dazu, weil auch das und die Gildenorganisation in der frühen Neuzeit uns schon länger gereizt haben.

phantastisch-lesen: Dazwischen habt ihr noch eine dystopische Utopie entworfen, wie ihr „Wasteland“ immer selbst nennt. Hat Euch der Kontrast daran, eine zukünftige, anstelle einer historischen Welt zu entwerfen, gereizt? Oder eher der Kontrast der gesellschaftlichen Entwürfe innerhalb des Romans Postapokalypse-Kapitalismus gegen ursprünglichen Anarchismus?

Judith und Christian Vogt: Ich glaube, wir genießen es, möglichst unterschiedliche Settings und Subgenres zu „bespielen“. Die Ideen zu „Wasteland“, „Die 13 Gezeichneten“ und der 20er-Jahre-Urban-Fantasy, die wir momentan schreiben, liefen alle parallel. Und wir freuen uns, dass wir uns in allen drei Landschaften austoben können. Bei „Wasteland“ kam natürlich eine Menge Kapitalismusverdruss und Zukunftsangst hinzu und hat sich als Mad-Max-Utopie manifestiert.

Wasteland © Knaur Verlag

phantastisch-lesen: Ihr habt „Wasteland“ in gendergerechter, oder wie die Übersetzerin Karen Nölle so schön sagt, gendersensibler und zugleich flüssiger Sprache geschrieben. Habt ihr für Textmenschen wie mich ein paar einfach umzusetzende Tipps oder Erfahrungswerte, wie man einen Text zugleich gendergerecht und gut lesbar schreibt?

Judith und Christian Vogt: Für Sachtexte finden wir das * tatsächlich am besten. Es „stört“, weil es ein ungewohntes Zeichen ist – aber es macht auch darauf aufmerksam, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist und vielfältiger als nur eine männliche und eine weibliche Form. Deshalb ist uns das * tatsächlich besonders ans Herz gewachsen. In „Wasteland“ haben wir es aber nicht benutzt. Da haben wir versucht, immer geschlechtsneutrale Formen zu finden. Das klappt in den allermeisten Fällen – manchmal durch Varianten wie das bereits beliebte „Studierende“ (z.B. „Bewohnende“), manchmal auch durch Erweiterungen wie „Leute / Menschen / Personen / alle, die …“. Gesprochen ist das oft nicht so einfach und erfordert Übung, aber beim Schreiben entsteht schnell Routine, finden wir.

phantastisch-lesen: Welches der beiden gesellschaftlichen Entwicklungsszenarien in „Wasteland“ haltet ihr in einer ferneren Zukunft, zum Beispiel nach einem Klimakollaps oder sollten noch gefährlichere Viren, als Covid-19 aufkommen, für wahrscheinlicher?

Judith und Christian Vogt: Vielleicht gibt es tatsächlich sowohl Hopers als auch Toxxers. Wir finden, das sieht man selbst jetzt schon. Wie sich das die Waage halten wird? Wir sind ja Hopepunks, wir hoffen also einfach, dass Hoffnung etwas Ansteckendes ist.

Die verlorene Puppe - Judith und Christian Vogt © Feder & Schwert
Die verlorene Puppe © Feder & Schwert

phantastisch-lesen: Kennengelernt habe ich Euch als Steampunk-Autoren mit den Büchern „Die zerbrochene Puppe“, „Die verlorene Puppe“ und die „Eis und Dampf“ Anthologie. Das erste Buch wurde mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet. Ihr habt Steampunk geschrieben und ein Stück weit gelebt: auf Lesungen entsprechende Gewandung getragen und die „Die grüne Fee“ Groschenhefte herausgebracht. Habt ihr eine Idee, warum sich dieses überaus faszinierende Genre nicht so recht beim Lesepublikum durchsetzen konnte?

Judith und Christian Vogt: Dass wir uns aus dem Steampunk ein wenig zurückgezogen haben, liegt auch an unserer Lust, immer wieder die Subgenres zu wechseln (rein marketingtechnisch ist das natürlich Gift, das wird jeder Verlag und jede Literaturagentur bestätigen). Ich finde, man kann halt auch nicht von jedem Subgenre erwarten, dass es einen großen Markt erobert. Uns ist das mittlerweile auch egal. Letztlich verkauft sich im Moment nichts im großen Stil. Warum also nicht Bücher schreiben, an denen man selbst Spaß hat und die von den richtigen Leuten, die, die einem wichtig sind, geliebt werden?

phantastisch-lesen: Ihr seid aktive Rollenspieler*innen, schreibt Rollenspielbücher und mit „Roll Inclusive“ ein Buch über die Rollenspielkultur. Welche Bedeutung hatte und hat das Rollenspiel für Eure Entwicklung als Schriftsteller*innen?

Judith und Christian Vogt: Rollenspiel ist essenziell für unsere Entwicklung, das haben wir mit vielen Phantastik-Autor*innen gemein. Christian ist erst über das Rollenspiel ans Schreiben gekommen, bei Judith stand beides schon früh gleich stark im Fokus. Da wir aber nicht nur Rollenspiele spielen, sondern auch selbst Spiele entwickeln, verknüpfen wir gerne Romane und Spiele vor dem Hintergrund gemeinsamer Erzählkosmen, etwa bei der Welt von „Eis&Dampf“ oder von den bald erscheinenden „Aces in Space“. Dadurch schaffen wir verschiedene Zugänge, um tief in diese Welten einzutauchen, wenn man das möchte. Für alle anderen stehen Spiel und Roman aber auch immer für sich.

phantastisch-lesen: Ihr bespielt sehr intensiv die Social-Media-Kanäle: Twitter, Facebook, YouTube, Podcasts. In Euren Beiträgen geht es nicht ausschließlich um Eure Bücher und das Buch-Business, sondern häufig um gesellschaftspolitische Themen wie Gerechtigkeit, Diversität, Feminismus. Was sind in den politischen Beiträgen Eure wichtigsten Ziele?

Roll Inclusive © Feder & Schwert

Judith und Christian Vogt: Auch das Verlagsbusiness, die Rollenspielszene und die Phantastikautor*innenszene sind ja Teile eines großen Ganzen, in dem alles wirkt, was auch gesamtgesellschaftlich wirkt. Wir sehen gerade auch an der Corona-Krise, auf wessen Rücken sie ausgetragen wird: Systemkritische Berufe sind oft weiblich dominiert, finanziell abgewertet, unterbezahlt, getragen von Müttern, Teilzeitkräften, Migrant*innen. Das kommt ja nicht von ungefähr. Überall werden Frauen schlechter bezahlt, PoC ausgegrenzt, Menschen mit Behinderung unsichtbar gemacht. Auch in unserer Gesellschaft müssen noch viele Kämpfe ausgefochten werden, wir stehen erst ganz am Anfang. (Ein Schelm, wer da Ähnlichkeiten zur Agenda von „Die 13 Gezeichneten“ sieht) Es ist uns einfach wichtig, diese Kämpfe mitzukämpfen, uns solidarisch zu zeigen, andere mitzunehmen.

phantastisch-lesen: Auf welchen Kommunikationskanälen erreicht ihr welche Zielgruppe? Wo finden die interessantesten und/oder kontroversesten Diskussionen statt? Wo erreicht ihr am ehesten Rezipienten außerhalb der eigenen Filterbubble?

Judith und Christian Vogt: Rezipient*innen außerhalb der Filterbubble erreichen wir höchstens darüber, dass wir momentan das Glück haben, bei großen Verlagen zu veröffentlichen, sodass die Bücher in den Buchhandlungen liegen. Ansonsten erreichen wir, denke ich, die meisten Leute über Twitter. Einfach, weil wir da am meisten unterwegs sind, viele Unterhaltungen führen und viele Leute kennenlernen. Das lässt sich natürlich nicht einfach so nachvollziehen, aber bei unserem Patreon (Mitgliedschafts-Plattform zur Unterstützung von Künstlern) war es schon spürbar, dass fast alle Patrons Menschen sind, die wir über Twitter kennengelernt haben, und die nun eine superschöne und wertschätzende kleine Sub-Community bilden.

phantastisch-lesen: Ihr bewegt Euch schon lange im Literaturbusiness, veröffentlich Eure Bücher in Klein- und Publikumsverlagen. Wohin geht Eurer Meinung nach die Reise für die Phantastische Literatur? Geht die thematische Innovation im Genre inzwischen nicht immer mehr von Veröffentlichungen im Selfpublishing aus? Wie sollten sich die Veröffentlichungsstrukturen Eurer Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

Judith und Christian Vogt: Wir wissen es auch nicht, und das haben wir gerade wohl mit den allermeisten gemeinsam. Es tut sich viel im Bereich Patreon und Crowdfunding, wo die US-amerikanischen Autor*innen schon gezeigt haben, wie es geht. Wir glauben, dass der Buchmarkt gerade in zwei gegensätzliche Richtungen driftet: In den Buchhandlungen und auch bei vielen Großverlagen wird alles um die Bestseller herum gebaut; die Aufmerksamkeit des Publikums soll sich auf wenige Titel von etablierten Autor*innen richten. Gleichzeitig dezentralisiert sich aber alles immer mehr. Es gibt nicht mehr den einen großen Titel, den „neuen Harry Potter“. Und wir finden, in einer Dezentralisierung liegt auch die Chance, vielfältige Stimmen zu lesen, vielfältige Erfahrungen zu teilen und viele Autor*innen zu Wort kommen zu lassen. Das sollten wir auch als Lesende nutzen.

phantastisch-lesen: Vielen DANK, Judith und Christian, für Eure ausführlichen und spannenden Antworten. Das Interview hat mir viel Spaß gemacht und ich glaube, den Leser*innen auch. Bleibt gesund!

Das Interview führte Eva Bergschneider per E-Mail

Social Media Kanäle auf denen ihr Judith und Christian Vogt folgen könnt:

Patreon Vogts&Vriends

Rollenspiel-Podcast mit Judith Vogt und Lena Richter

Youtube-Kanal Judith Vogt mit VogtTalk

Twitter: @JudithCVogt und @EisUndDampf

 

Schreibe einen Kommentar