Irrlichtfeuer – Julia Lange

Fantastischer und historischer Politthriller

Irrlichtfeuer © Droemer-Knaur
Irrlichtfeuer © Droemer-Knaur

Alba, Tochter aus reichem Hause, beobachtet fassungslos aus ihrer schäbigen kleinen Werkstatt im fünften Stock eines Hauses im Arbeiterviertel den verheerenden Brand, verursacht durch eine Irrlichtmanufaktur. Irrlichtkind Kass hat Sehnsucht nach seiner Liebsten Hisa, der Zwillingsschwester seines besten Freundes Sora. Alle drei werden als Irrlichtkinder vom Rat und der Königin für deren Zwecke eingesetzt.

Karel, genannt der Graf, hält als ungekrönter Herrscher und Bandenchef die Ordnung in Rothentor aufrecht, sowie mit den Bandenchefs der anderen Viertel das Gleichgewicht der Stadt. Karel bereitet seinen labilen Sohn Rafael auf die Nachfolge vor. Der größte Traum der schwerkranken Alba, die laut Arzt ein oder zwei Jahre zu leben hat, ist zu fliegen und sich in einen Krähenschwarm einzureihen. Da klopft eine Krähe an ihr Werkstattfenster und bringt ihr einen Würfel voller Irrlicht, dessen Besitz strafbar ist. Nicht lange danach wartet ein Mann vor ihrer Tür.

„Diese verdammte Gier nach Irrlicht“

Erst nach 130 Seiten fängt Julia Lange an, die Geheimnisse dieser dicht beschriebenen Welt aufzulösen. Je klarer es für den Leser wird, desto mehr steigt die Spannung und das Buch ist nicht zuschlagbar. Warum „Irrlichtfeuer“ den Seraph 2017 – wichtigster Jurypreis für fantastische Literatur – als bester Debütroman zu Recht gewonnen hat, schält sich nach und nach heraus.

Der Leser quält sich mit Alba Schritt für Schritt durch die Straßen und fühlt die Ambivalenz zwischen dem Wunsch, von ihrer Familie umsorgt zu werden und frei zu sein wie ein Vogel. Er jagt mit den Irrlichtkindern, die als Elitekrieger respektiert, gefürchtet und an der kurzen Leine gehalten werden wie Kampfhunde. Die Herrschenden, eine nicht handelnde Königin hintenan, schicken die Irrlichtkinder als Prügelknaben vor. Der Leser leidet mit Merte, die Mann und Kinder bei dem Anschlag oder Unfall verlor. Er reiht sich ein in die Trauernden und ihres Hab und Guts Beraubten, um friedlich Gerechtigkeit zu fordern.

Neuartiger dichter Weltenbau

Wie schnell zu erahnen ist, spielt der Roman auf mehreren wechselnden Ebenen. Sie haben scheinbar nur wenig miteinander zu tun. Bis sich die Protagonisten auf der ein oder anderen Ebene zufällig begegnen und daraus neue Handlungsstränge erwachsen. Trotz des fantastischen Elements Irrlicht könnte der Roman im 19. Jahrhundert des revolutionären Frankreich spielen, wie es Emile Zola treffend beschrieben hat. Für Innovation und Weltenbau kassiert Julia Lange 100 Punkte. Gerecht oder ungerecht, real oder Wahn, Eigennutz oder Gemeinwohl? Die Grenzen verschwimmen. Nicht nur Langes Charaktere haben es in sich.

Wer eine klare Geschichte erwartet, die vorne anfängt und hinten endet, der lasse dieses Buch im Regal. Wer sich auf die Verwicklungen der großen und kleinen Politik, auf ein Netz aus verflochtenen Beziehungen einlassen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Lobenswert zu erwähnen sind auch das Lektorat und Korrektorat, alles ist stimmig. Irrlichtfeuer wirkt nicht, als wäre er ein Erstlingsroman einer jungen Ingenieurin für Nachrichtentechnik, sondern als wäre er von reifer Hand geschrieben. Als E-Book ist 2017 die Novelle „Irrlichtkinder“ erschienen. Julia Langes neuer Roman „Blutgesang“ erscheint im Februar 2019.

Amandara M. Schulzke

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Irrlichtfeuer
Julia Lange
Historical Fantasy
Droemer Knaur
September 2016
522

Funtastik-Faktor: 89

3 Gedanken zu „Irrlichtfeuer – Julia Lange

  1. Hallo,

    dieses Buch steht seit 2016 ungelesen hier im Regal – damals wollte ich es unbedingt lesen, hörte dann einige negative Meinungen, verlor etwas die Lust… Aber ich sollte es vielleicht doch mal abstauben und lesen, denn eigentlich finde ich die Grundidee sehr interessant.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

  2. Pingback: [ Kreuzfahrt ] Lesenswerte Buchblogs September 2018

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