Die Formel – Dan Wells

Schön, jung und unsterblich in den Weltuntergang


Die Formel © Piper Verlag
Die Formel © Piper Verlag

Nein. Dan Wells hat mit „Die Formel“ keinen dystopischen Vampir-Thriller geschrieben, sondern einen Near-Future Biotech-Thriller. Und so kompliziert, wie dieser Begriff, ist auch das Thema, mit dem er sich darin auseinandergesetzt hat.

Eine Kosmetikfirma möchte eine Creme entwickeln, die die Haut dazu aktiviert, Kollagen zu produzieren, um so wirksam der Faltenbildung entgegenzuwirken. Lyle Fontanelle, Laborleiter und Chemiker bei NewYew, mischt Plasmid-DNA und einen Retro-Virus in eine Creme und lässt sie an Probanden testen. Eine Testperson stirbt, alle anderen werden krank. Einige verwandeln sich äußerlich in Lyle, andere in seine Assistentin Susan. Die beiden Laborprofis hatten ihre nicht behandschuhten Finger in der Testcharge der Lotion und prägten sie anscheinend so mit ihrer DNA. Wie kommt diese Verwandlung zustande und wie kann man sie aufhalten? Oder nutzen?

Der Geschäftsführung von NewYew leuchten Dollarzeichen in den Augen, denn dieses Wunder lässt sich als Produkt unter dem schönen Namen ReBirth zu Geld machen. Enorm viel Geld, gezahlt von jedem Menschen in der Welt. Denn wer möchte nicht seinen unvollkommenen Körper mit der DNA eines jungen, gesunden Superstars perfektionieren? Wer möchte nicht alle Erbkrankheiten der Welt überwinden? Und lässt sich nicht ReBirth mit der DNA von Superkämpfern an Invasionsarmeen verkaufen? Alle wollen ReBirth, nicht nur die Bevölkerung. Auch die Konkurrenz. Die Regierung. Der Sektenführer. Sie alle sorgen dafür, dass der Weltuntergang unaufhaltsam Wirklichkeit wird.

So arbeitet kein Chemiekonzern

Der Einstieg in diesen Nearfuture-Thriller war derart schwierig für mich, dass ich überlegte, die Lektüre abzubrechen. Ok. Biotechnologie ist mein Job und ich weiß ungefähr, wie sie funktioniert – und wie nicht. Dadurch mag es schwieriger sein, mich von fiktiven Gentechnik-Konzepten zu überzeugen. Trotzdem ist das schon vielen Autoren gelungen: Michael Crichton, Richard Preston und Dan Wells auch. In seiner „Partials“ Trilogie sind die gleichnamigen künstlichen Menschen auch ein Produkt der Gentechnik und mit einer durchaus glaubwürdig erdachten Technik hergestellt. Das ein Plasmid und ein Retro-Virus einen kompletten Menschen klonen, ist unmöglich. Dennoch hat Dan Wells die Funktionsweise eines Retrovirus zumindest in Ansätzen denkbar umgesetzt.

So absurd, dass ich lachen musste, ist allerdings der Vorgang der Prägung mit einer einzigen DNA Matrize. Das beschriebene Szenario schreit geradezu danach, dass eine Vielzahl von DNAs in der Creme landen. Ein Problem, das gegen Ende des Romans schließlich doch noch thematisiert wird. Allerdings viel zu spät. Es drängt sich die Frage auf, ob ein solches Szenario als Grundlage für Kafkas Werk „Die Verwandlung“ hätte dienen können, wenn es die Gentechnik Anfang des 20. Jahrhunderts schon gegeben hätte.

Trotzdem ein beklemmendes Weltuntergansszenario

Lassen wir die Glaubwürdigkeit der biotechnologischen Arbeitsweise beiseite, finden sich viele interessante und herausfordernde Ideen in „Die Formel“. Vor allem der moralische Spagat, einerseits der Wunsch, die Welt von Krankheiten zu heilen und andererseits die unverhohlene Gier nach Geld und Macht, stellt ein spannendes und provokantes Dilemma dar.

Dan Wells hat ein Händchen für differenziert gezeichnete Charaktere. In „Die Formel“ ist vor allem der Laborleiter Lyle Fontanelle derjenige, der Gutes erreichen möchte und alles falsch macht. Manchmal möchte man ihn bedauern, meistens kräftig durchschütteln. Ein weiterer starker und zugleich unsympathischer Charakter ist Cynthia, CFO von NewYew. Eine selbstbewusste, harte und pragmatische Geschäftsfrau, die in jeder Situation den größtmöglichen Erfolg für sich will. Auch wenn er ins Verderben führt.

Subtil verpackte Botschaften

Viele Charaktere verwandeln sich körperlich in andere Personen. Dan Wells hat ihnen Doppelnamen gegeben, wie zum Beispiel Decker/Lyle. Das hilft dem Leser zwar, den Überblick zu behalten, sorgt aber auch dafür, dass die Figuren austauschbar wirken. Was sicherlich beabsichtigt ist und zeigt, wie ersetzbar ein Mensch ist, der sich über Namen und Äußerlichkeiten definiert. Sie haben individuelle Wünsche wie ein sorgenfreies, gesundes Leben, eine Neuordnung der Welt oder eine Rückbesinnung auf den Wert der Individualität. In der optisch gleichförmigen Masse geht jedoch das Interesse des einzelnen unter.

Eine weitere Botschaft, die Dan Wells in seinem Roman „Die Formel“ transportiert, ist die, das die Menschheit sehenden Auges in ihr Unglück rennt. Albert Einstein soll einst gesagt haben:

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“.

Albert Einstein

Und genau das ist es, was in „Die Formel“ unweigerlich in den Untergang der Zivilisation führt. Analogien zur Klimaschutzproblematik oder gerade jetzt zum politischen Rechtsruck unserer Gesellschaft drängen sich unweigerlich auf.

Ein Fazit

kennzeichne ich fast nie als solches. Denn eigentlich sollte es eindeutig aus dem Text der Rezension hervorgehen. „Die Formel“ lässt mich jedoch zwiegespalten zurück.

Dan Wells erschuf in seinen bisherigen Büchern immer Figuren mit Identifikationspotenzial, trotz oder gerade wegen der Differenziertheit, mit der er seine Figuren zeichnet. So eine Figur fehlt in „Die Formel“.

Der Biotechnologe in mir war von dem Bild belustigt, das der Autor über die Arbeit der Chemischen Industrie und der US-Regulierungsbehörde FDA zeichnet. Mit einer etwas gründlicheren Recherche wäre ein realistischeres und dadurch bedrohlich wirkendes Szenario möglich gewesen Andererseits ist Dan Wells‘ Doomsday Geschichte in Bezug auf den unaufhaltsamen Verlauf der Apokalypse innovativ und bestechend schlüssig.
Insgesamt ist „Die Formel“ durchaus ein spannender und nachdenkenswerter Near-Future Thriller, der allerdings einige Qualitäten vermissen lässt, die ich in anderen Büchern des Autors besonders mag.

Anmerkung zur Übersetzung:

Jürgen Langowski hat meines Wissens alle Bücher von Dan Wells übersetzt und bisher eine solide Arbeit und gute Texte abgeliefert. In „Die Formel“ stören einige holprige und fragwürdige Formulierungen. So hat Langowski zum Beispiel als deutsches Wort für eine wissenschaftliche Publikation „Papier“ verwendet. Im angelsächsischen Sprachgebrauch heißen wissenschaftliche Publikationen tatsächlich „Paper“. Er hat also wörtlich richtig übersetzt, den Begriff aber trotzdem falsch gewählt. Niemand verwendet im Deutschen das Wort „Papier“ in diesem Sinne.

Eva Bergschneider

Die Formel kaufen

Die Formel
Dan Wells (Übersetzung Jürgen Langowski)
Science-Fiction
Piper Verlag
Mai 2018
523

Funtastik-Faktor: 65

Schreibe einen Kommentar