Kolonien-Welt unter Dampf – André Skora, Marco Ansing (Hrsg)

Imperialismus trifft Steampunk

Kolonien-Welt unter Dampf © Amrûn

„Steampunk, das heißt Abenteuer in einem fiktiven 19. Jahrhundert: Eloquente Hochkultur und verklärte Historie. Nicht in dieser Anthologie.“ heißt es auf dem Cover dieser Story-Sammlung, herausgegeben von Andrè Skora und Marco Ansing. Und damit ist schon das Wichtigste über die zwölf Geschichten gesagt, die den Leser hier erwarten. Der Kolonialismus bietet den historischen Hintergrund, der diese Geschichten eint. Mit der Ausbeutung, Grausamkeit, Menschenverachtung und Gier.

Der Steampunk bietet die Technik, mit der die Imperialisten die Welt gänzlich hätten vernichten können in einer alternativen Historie. Oder sich die unterdrückten Völker gegen die Ausbeuter zur Wehr setzen. In diesem spannenden Feld sind die Geschichten von Autoren wie Anja Bagus, Chris Schlicht, Vanessa Kaiser & Thomas Lohnwasser, oder Stefan Cernohuby angesiedelt.

„So, lieber Plato, habe ich also den Ausgang zur Hölle aufgestoßen und bin seit dem nur ein Schatten meiner selbst.“ [S. 107 aus Die flüsternde Sonne- Kristina Lohfeldt]

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– Die letzte Vorstellung – André Geist
– Piraten! – Anja Bagus
– Der Brief des Lordprotektoren – Ann-Kathrin Karschnik
– Der Harvester – Chris Schlicht
– Der Klang des Himmels- Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser
– Die flüsternde Sonne- Kristina Lohfeldt
– Der Metall-Drache Chinas – Marco Ansing
– Vom Aufstieg der Lurche- Niklas Peineke
– Das Blut der Welt – Peter Hohmann
– Das Wüstendampfschiff – Stefan Cernohuby
– Tee auf Taniwha – Thorsten Küper
– Der Gott und die Maschine – Vincent Voss

Grausam, grausamer, Kolonialherren

Einige der zwölf Geschichten legen ein besonderes Augenmerk auf das menschenverachtende Gebaren der Kolonialherren.

In „Der Brief des Lordprotektors“ stellt uns Ann-Kathrin Karschnik einen Sadisten vor, der das Oberkommando über die Strafkolonie Australien führt. Sowohl Strafgefangene, als auch australische Ureinwohner quält und tötet er. Um bei seinen Vorgesetzten im Königreich Großbritannien gut dazustehen, schreibt er ‚alternative Fakten‘ in seine Jahresberichte.

Im „Aufstieg der Lurche“ von Niklas Peineke sind es nicht die Völker Afrikas, Asiens oder Ozeaniens, die brutal unterjocht werden, sondern eine fiktive Spezies intelligenter Lurche. Mit unerwarteten Folgen für die Weltordnung.

Maschinen und Monster XXL

In anderen Stories begegnen uns gigantische Maschinen, die die Kolonialmacht zur Ausbeutung des Landes einsetzt. Oder blecherne Monster, mit denen die Einwohner des Landes sich gegen die Besatzer wehren.

In Chris Schlichts „Harvester“ erbeutet eine riesige dampfbetriebene Maschine sämtliche Schätze des Kongos vollautomatisch. Sie erweitert ihre Funktionen und erschafft schließlich auch die Infrastruktur zum Abtransport aller Schätze in das Königreich Belgien. Ein einsamer Kontrolleur begleitet das Monstergerät durch das zunehmend menschenleere, öde Land und schreibt Tagebuch.

In „Der Metall-Drache Chinas“ von Marco Ansing erschaffen die Chinesen eine dampfbetriebene Waffe, landestypisch in Form eines gigantischen Drachen. Ein Reporter, der den deutschen Botschafter doubelt, besucht mit Regierungsvertretern aus Großbritannien, Frankreich und Japan die Waffenschau. Er bringt seinen Lesern eine abenteuerliche Geschichte mit.

Alternative Kolonialhistorie mit Gegenwartsbezug

Viele der Kurzgeschichten weisen einen starken Gegenwartsbezug auf, dienen als Spiegelbild unserer aktuellen Gesellschaft.

Im Mittelpunkt von „Das Wüstendampfschiff“ steht der Araber und Moslem Mahmut, ein kluger und sympathischer Erfinder und Ingenieur. Durch sein profundes Wissen und seine Erfahrungen mit Dampfmaschinen könnte er den Besatzern helfen, die Technik auch in der Wüste zu etablieren. Doch er wird verlacht und gedemütigt. Ein cleverer Geschäftsmann findet Gefallen an seiner Erfindung. Doch was sind dessen Absichten?

Stefan Cernohubys Geschichte reflektiert die Intoleranz und Arroganz, die die westliche Welt immer noch glauben lässt, das Maß aller Dinge zu repräsentieren. Und die Tatsache, dass eine Zusammenarbeit reicher Staaten mit Ländern der zweiten oder dritten Welt selten den beiderseitigen Nutzen zum Ziel hat.

Der Protagonist in „Harvester“ erkennt und kritisiert die mit der Ausbeutung der Rohstoffe einhergehende Zerstörung von Umwelt und Lebensraum. Und befreit sich aus seiner Einsamkeit.

Faszination und Ernüchterung

Es stecken viel mehr faszinierende Geschichten in dieser Anthologie, als die bisher beschriebenen. Zum Beispiel die ergreifende Erzählung „ Die flüsternde Sonne“ von Kristina Lohfeldt. Oder „Tee auf Taniwha“, eine Erzählung, die infrage stellt, wie weit der Mensch gehen darf, um Unterdrückung, Leid und Tod zu verhindern.

Jede einzelne Geschichte ist stilistisch originell und mit Liebe zu den historischen und technischen Details beschrieben. Nicht alle Geschichten enden gleichermaßen rund, schlüssig, oder unerwartet. Alle sind jedoch mit glaubwürdigen Figuren besetzt, die sich entwickeln und das Geschehen vorantreiben. So ist diese Anthologie ein „must Read“ für Steampunk-Fans, denen nichts an einer historischen Verklärung des frühen Industriezeitalters liegt. Sondern die vielmehr die Faszination an der Technik mit einer kritischen Sicht auf den weltpolitischen Wahnsinn des Kolonialismus in Einklang bringen. Und die ihre Augen offen halten für die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit dieser Zeit, die weiterhin die Politik der ehemaligen Imperialisten gegenüber den einstigen Kolonialstaaten prägt.

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Eva Bergschneider

Kolonien – Welt unter Dampf
André Skoda, Marco Ansing (Hrsg)
Steampunk Anthologie
Amrûn Verlag
Oktober 2018
257

Funtastik-Faktor: 78

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