Dieser Volkszähler – China Miéville

Feinsinniger Grusel aus der Postapokalypse

Dieser Volkszähler - China Miéville © Liebeskind Verlag
Dieser Volkszähler © Liebeskind Verlag

China Miéville erzählt hier die Geschichte eines neunjährigen namenlosen Jungen, der mit seinen Eltern auf einem Berg in der Nähe eines Dorfs lebt. Die Welt ist postapokalyptisch, wo sich der Handlungsort befindet, wird nicht näher definiert. Es ist die Zeit nach einem verheerenden Krieg, die verbliebende Bevölkerung kämpft ums Überleben.

„Meine Mutter hat meinen Vater umgebracht!“ [S. 9]

Oder war es doch umgekehrt? Voller Panik und Entsetzen ist der Junge den Berg hinab in das Dorf gelaufen. Doch die juristische Instanz beschränkt sich dort auf einen Fensterputzer, einen Jäger und eine Lehrerin. Sie bringen den Jungen zu seinem Vater zurück und sind schnell mit dessen Erklärung zufriedengestellt, der Junge habe einen ehelichen Streit beobachtet. Die Mutter habe das Haus verlassen und einen Abschiedsbrief geschrieben. Die Dörfler gehen wieder, der Junge verbleibt ohne die Mutter bei seinem Vater. Der Vater ist Schlüsselmacher. Es heißt seinen Schlüsseln wohnen magische Kräfte inne. Wenig magisch erscheint dagegen seine Angewohnheit ohne ersichtlichen Grund Tiere umzubringen. Die Kadaver entsorgt der Mann in einer Abfallgrube im Berg. Dieser Müllplatz verbirgt die Wahrheit über das, was tatsächlich geschehen ist. Zugleich geht von ihm eine Aura des Schreckens aus, die sich wie aufsteigender Novembernebel über die Geschichte legt.

Müll als Handlungselement

Den Müll einer Zivilisation hat China Miéville schon in „Perdido Street Station“ als Handlungsträger eingesetzt. Dort entwickelte ein riesiger Haufen Schrott ein Eigenleben. Die Welt in „Das Gleismeer“ besteht ebenfalls zu einem großen Teil aus Müll. Die Reste einer Zivilisation sind generell eine beliebte Projektionsfläche für postapokalyptische Geschichten, Miéville scheint jedoch ein besonderes Faible für die Symbolik des Mülls zu haben. Insgesamt zeichnet Miéville in „Dieser Volkszähler“ eine Welt, ohne die exotischen Requisiten, die seine Schauplätze in anderen Werken ausschmücken. Das Dorf ist auf dem technischen Stand der Vorindustrialisierung. Das verfallene Haus, in dem Vater und Sohn leben, war vielleicht einmal Teil einer Bergidylle. Das Absonderliche in diesem Roman finden wir in den Geschehnissen und Bildern, die ein hintergründiges Grauen heraufbeschwören, dessen Ursache im Hintergrund bleibt.

Erzählfragmente aus verschiedenen Perspektiven ergeben ein Bild

Es ist genau so, wie in einigen Leserkommentaren behauptet wird: viele Entwicklungen in dieser Geschichte werden kryptisch angedeutet, die Handlungsmotive bleiben unklar. Diese Lücken schaffen Räume, die nur darauf warten, mit Gedanken und Schlussfolgerungen des Lesers gefüllt zu werden. Genau das zeichnet diesen Roman aus.

China Miéville wechselt scheinbar willkürlich und manchmal mitten im Absatz die Erzählperspektive, von der des Ich-Erzählers zum personalen Erzähler. Vereinzelt berichtet der Junge sogar in der zweiten Person. Es ist oft unklar, ob und von welchem Zeitpunkt aus rückblickend erzählt wird. Erwartet keine Aufklärung darüber, ob der Vater tat, was der Sohn ihm vorwirft, oder was aus denen wird, die verschwinden. Seid vielmehr gefasst auf intensive düstere Bilder die Euch an Alpträume aus der Kindheit erinnern und an die Angst vor dem Unerklärbaren. Trotz der fragmentarischen Erzählweise kommt der Leser dem Protagonisten sehr nah. Er betrachtet das Geschehen konsequent durch dessen Augen, taucht in seine Welt und in seine Gefühle ein. Mit dem Auftreten des Volkszählers gesellt sich die Perspektive eines Außenstehenden hinzu, die eines neutralen Beobachters. Legt man diese beiden Sichtweisen übereinander, fügen sich die Puzzleteile dieser Geschichte zu einem Bild.

Wer eine logisch aufgebaute und stringent erzählte Geschichte erwartet, sollte lieber von der Lektüre absehen. Wer allerdings Freude an erzählerischen Kunstgriffen und einer anspruchsvollen Story hat, der liegt mit „Dieser Volkszähler“ genau richtig. Ein auf minimalistische Art und Weise meisterhaft erzähltes Werk, das Peter Torberg authentisch ins Deutsche übertragen hat. Auf kompakten 172 Seiten offenbart sich eine Erzählung, deren Essenz nicht nur in Miévilles feinfühliger und zugleich prägnanter Prosa, sondern auch zwischen den Zeilen verborgen liegt.

Dieser Volkszähler
China Miéville (Übersetzung Peter Torberg)
Phantastik Plus
Liebeskind Verlag
November 2016
176

Funtastik-Faktor: 88

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