Interview mit Natasha Pulley

Amandara M. Schulzke und Dr. Claudia Rapp führten vor der Lesung in der Kulturbremse in Berlin-Moabit für phantastisch-lesen ein Interview mit Natasha Pulley, der Autorin von „Der Uhrmacher in der Filigree Street“. Die beiden sprachen mit Natasha über den ersten Satz am Weihnachtsabend, über mechanische Haustiere, über Rassismus und den historischen Hintergrund, über verschiedene und dennoch ähnliche Kulturen und darüber, das Plotten Gift ist

»Eine Erkenntnis, von der ich hoffe, dass Lesende sie aus diesem Roman mitnehmen, ist: Es spielt keine Rolle, wie unterschiedlich man ist. Denn es wird immer Dinge geben, die man gemeinsam hat.«

phantastisch-lesen: Wie bist du auf die Idee für die Geschichte gekommen? Was war zuerst da, die Figur, die Uhr, das Setting?

Der Uhrmacher in der Filigree Street - Natasha Pulley ©Hobbit Presse
Der Uhrmacher in der Filigree Street ©Hobbit Presse

Natasha Pulley: Der allererste Satz zu dem Buch kam am Weihnachtsabend vor etwa zehn Jahren aus dem Nirgendwo zu mir und lautete: „Keita Mori kann sich an die Zukunft erinnern.“ Zu dieser Zeit las ich die Sherlock-Holmes-Geschichten. Ich liebte sie. Aber ich war auch verärgert weil die Figuren sich nicht so verhielten, wie ich es wollte. Außerdem habe ich damals oft japanische Science Fiction geschaut. Diese beiden Dinge vermischten sich irgendwie in meinem Kopf. Das „Uhrmacher“ Buch begann mit einer Kurzgeschichte, die von Katsu dem Oktopus handelte. Das war der Ausgangspunkt, das war der Anfang.

phantastisch-lesen: Es gibt nicht nur Katsu, sondern auch andere mechanische Dinge. Sind Mechanik und Technik ein Hobby oder eine Leidenschaft von Dir?

Natasha Pulley: Nein. Der Grund, warum es diese Art Uhrwerk in der Geschichte gibt, ist, dass ich wollte, dass Keita Mori ein Haustier hat. Er war einsam und wollte gern ein Haustier haben. Aber er ist oft geistesabwesend, vergisst es möglicherweise zu füttern. Und deshalb brauchte er ein Haustier, das nicht wirklich lebendig war. Also sagte ich mir: „Ok, soll er ein mechanisches Haustier bekommen.“ Aber es gibt kein „flauschiges Uhrwerk“ und so habe ich die Auswahl ein wenig eingeschränkt. Ich dachte, eine Schlange, ein Fisch oder ein Oktopus kämen in Frage. Und da er Japaner ist, fand ich den Oktopus passend. In den ersten Entwürfen der Geschichte war Mori Büchsenmacher, kein Uhrmacher. Aber je mehr ich schrieb, desto mehr interessierte ich mich für Uhrwerke. Also habe ich viele Artikel über Uhrwerke und Steampunk und deren Ästhetik gelesen. Je mehr ich darüber las, desto mehr floss davon in das Buch ein.

phantastisch-lesen: Abgesehen von der Erinnerung an die Zukunft und den Steampunk-Elementen könnte der „Uhrmacher“ ein historischer Roman sein. Du hast mit viel Liebe zum Detail über das viktorianische London geschrieben. Lässt dich das viktorianische Zeitalter von der Vergangenheit als eine scheinbar einfachere Zeit träumen? Oder überschatten die negativen Seiten diese Sichtweise?

Natasha Pulley: Die Vergangenheit war sicherlich nicht einfacher. Aber wir alle wollen diesen nostalgischen Blick auf das 19. Jahrhundert. Wir wollen glauben, dass alles perfekt war. Aber das war es nicht. Es war schmutzig, es war schrecklich und das Leben war sehr gefährlich. Nein, ich träume überhaupt nicht von einer rosigen Vergangenheit. Ich bin und war an dieser Zeit interessiert und dieser Roman handelt davon, wie schwierig das Leben damals war. Es gab Terrorismus, es geschahen schreckliche Dinge. London war zu dieser Zeit gefährlich, schon für die Gesundheit. Die Kohleöfen und Dampflokomotiven stießen dichten, braunen Nebel aus, der zu Lungenerkrankungen führte. Das Leben dort war unsicher und es gab nichts Schönes.

phantastisch-lesen: Es ist dieser „Mikroblick“ auf die kleinen Details, der diese Nostalgie hervorrufen kann, aber im „Makroblick“ auf die reale Situation ist es schwer, diese Sicht aufrechtzuerhalten.

Natasha Pulley: Ich glaube, es gab durchaus einige Dinge, die einfacher waren. Soziale Medien gab es noch nicht. Das Internet verstopfte noch nicht die Gehirne der Menschen. Aber die meisten Dinge waren viel schwieriger.

phantastisch-lesen: Der Telegraf wird manchmal als das viktorianische Internet bezeichnet.

Natasha Pulley: In dem Gespräch, das Thaniel am Anfang mit Scotland Yard führt verwenden sie Wortabkürzungen. Es klingt wie eine technische Sprache.

phantastisch-lesen: In der Geschichte geht es auch um Politik, zum Beispiel um das Wahlrecht für Frauen. Ich fragte mich, warum Du darüber aus der Perspektive einer sehr kritischen und sehr ablehnenden Person geschrieben hast.

Natasha Pulley: Der Grund, warum ich es aus dieser Perspektive geschrieben habe, ist einfach der Handlungszeitraum. Wir sprechen hier von den Jahren 1884, 1885. Damals gab es noch keine Suffragetten, sondern nur „Suffragists“. Sie waren eine viel schwächere, blassere Version ihrer jüngeren Schwestern. Die Suffragetten organisierten Proteste und sprengten Dinge in die Luft. Sie nahmen ihr politisches Anliegen sehr ernst. Die „Suffragists“ nicht. Sie saßen an solchen Tischen, wie diesem hier, tranken eine Tasse Tee und beschwerten sich über ihre Ehemänner. Politiker mochten sie nicht, weil ihnen ihre Nasen zu groß waren. Sie waren ziemlich dumm und jede gebildete Frau dieser Zeit würde so über sie denken. Leute wie Grace würden keine Zeit dafür aufwenden, weil es so offensichtlich dumm ist. Deshalb interessiert sich Grace in dem Buch auch nicht dafür. Diese Frauen tun aus ihrer Sicht nichts Sinnvolles. 

phantastisch-lesen: Ich denke, die Leser haben Grace nicht besonders gut aufgenommen. Ist sie absichtlich als ein unzugänglicher oder nicht so sympathischer Charakter beschrieben?

Natasha Pulley: Genau. Grace soll keine sympathische oder nette Person sein. Sie ist einfach sie selbst, und kann sehr unangenehm sein. Sie ist sehr reich und daher sehr anspruchsvoll. Warum Mori sich so sehr für Thaniel interessiert, der ein einfacher, ungebildeter und armer Mensch ist, versteht sie nicht. Aus ihrer Sicht hat er nichts Besonderes. Sie begreift nicht, warum er kein Interesse an ihr hat, denn sie ist schließlich ein Genie. Grace hat ihre Schwächen und ist nicht perfekt. Jedoch auch hier wollte ich einfach weg von diesen heiligen Frauen, die in der fiktiven Literatur des 19. Jahrhunderts so oft vorkommen. Im wahren Leben gibt es die nicht. Echte Menschen sind oft nervig und unangenehm. Und so ist sie auch.

phantastisch-lesen: Magst Du Grace gern oder lieber Thaniel oder Mori?

Natasha Pulley in der Kulturbremse ©Sebastian Engert
Natasha Pulley in der Kulturbremse © Sebastian Engert

Natasha Pulley: Thaniel mag ich lieber, weil er einfach so ist, wie ich bin. So wie ich sein Leben beschrieben habe, so habe ich mein Leben lange Zeit selbst gelebt. Ich bin genau wie Thaniel und komme aus seinem Umfeld. Ich bin in echter Armut aufgewachsen, genau wie er. Ich bin in die Stadt gezogen, um in einem Bürojob zu arbeiten, genau wie er. Ich bin kein Musiker, aber ich bin eine Schriftstellerin. Also hatte ich einen Stapel Papier unter meinem Bett, von dem niemand wusste. Genau wie Thaniel. Er ist also nicht ohne Grund der hauptsächliche Erzähler, denn er ist derjenige, den ich wirklich mag. Aber Grace ist da, weil man eine gewisse Reibung in der Geschichte braucht. Es kann nicht alles glatt und perfekt sein, jemand muss mit Sandpapier über alles reiben. Und das ist es, was Grace tut.

phantastisch-lesen: Du sagtest, die Geschichte hätte sich so, wie sie ist, entwickelt. Ist das Dein gängiger Schreibprozess? Oder planst Du manchmal wie eine Geschichte verlaufen soll?

Natasha Pulley: Autoren, die sagen, dass sie alles planen, lügen, man sollte ihnen nicht trauen. Ein Roman ist ein langes Dokument mit hunderttausend Wörtern, auf Deutsch wahrscheinlich hundertzwanzigtausend Wörter. Wenn man sich hinsetzt und versucht, das alles im Detail zu planen, dann gibt es einfach zu viel, was man planen muss. Es ist ratsam, Ideen zu verbessern, während man schreibt. Man kann mit dem Vorsatz anfangen, dass die Handlung in eine bestimmte Richtung läuft. Aber während du schreibst, merkst du, dass einige Dinge nicht funktionieren. Diese Figur ist nicht so, wie beschrieben. Das passt einfach nicht, ich muss dieses und jenes ändern. Wenn man also nicht zulässt, dass sich ein Manuskript weiterentwickelt, ist das unsinnig, oder?

phantastisch-lesen: Du unterrichtest auch kreatives Schreiben. Ist das der Rat, den Du Studierenden gibst?

Natasha Pulley: Ja, natürlich. Das ist genau der Rat, den ich den Studierenden gebe. In der akademischen Welt des kreativen Schreibens werden die Studierenden zu oft dazu ermutigt, viel zu planen. Das ist Gift. Man muss als Autor das Manuskript lieben, es darf nicht schal werden, bevor man fertig ist. Es ist ein riesiges Dokument und ein riesiges Stück Arbeit. Man braucht im Durchschnitt zwei Jahre, um einen Roman zu schreiben.  Wenn man nach sechs Monaten gelangweilt ist, wird man nicht fertig. Das ist genau das, was oft passiert und das Hindernis zwischen dir und der Veröffentlichung deines Romans: ein Manuskript tatsächlich zu beenden. Ich sage: Je weniger du planst, je mehr du das Schreiben genießen und dich darauf einlassen kannst, desto besser.

phantastisch-lesen: Welchen Rat gibst du Deinen Studierenden, wenn sie eine Schreibblockade erleiden?

Natasha Pulley: Eine Schreibblockade ist wie ein Burn Out. Ich empfehle ihnen dann, die Geschichte beiseitezulegen und erst einmal eine andere Geschichte weiterzuschreiben.

Dr. Claudia Rapp, Amandara M. Schulzke, Natasha Pulley ©Martin Fuhrmann
Dr. Claudia Rapp, Amandara M. Schulzke, Natasha Pulley ©Martin Fuhrmann

phantastisch-lesen: Wir haben noch gar nicht über die japanischen Elemente in der Geschichte gesprochen. Du hast in Japan gelebt und dort für das Buch recherchiert. Könnte man sagen, dass dies auch eine Geschichte über zwei verschiedene Arten von Imperien ist?

Natasha Pulley: Das ist sie auf jeden Fall. Zwei verschiedene Reiche, zwei verschiedene Lebensweisen. Aber sie sind nicht unvereinbar. Eine Erkenntnis, von der ich hoffe, dass Lesende sie aus diesem Roman mitnehmen, ist: Es spielt keine Rolle, wie unterschiedlich man ist. Denn es wird immer Dinge geben, die man gemeinsam hat. Mori sagt das in dem Buch, und ich sage es auch im wirklichen Leben immer wieder. Großbritannien und Japan sind sehr weit voneinander entfernt, aber trotzdem sehr ähnlich. Sie sind beide winzige Inselnationen mit einer langen Geschichte, geprägt von Piraterie. Wir interessieren uns beide für Sport und sehr für Tee. Wir kommen also sehr gut miteinander aus. 

phantastisch-lesen: Ich denke, es passiert leicht, dass man sich in gegenseitiger Stereotypisierung verliert. In den letzten zwei Tagen habe ich einige Anmerkungen zum Buch gelesen, in denen es hieß, dass du eine Art von Stereotypisierung reproduzierst. Da das Buch vor ein paar Jahren geschrieben wurde, habe ich mich gefragt, ob Du einige Passagen jetzt ändern würdest?

Natasha Pulley: Es gibt einiges, das ich ändern würde. Zum Beispiel geht Thaniel ganz offen mit einer Menge Stereotypen an die japanische Kultur heran. Wenn ich die Szenen jetzt schreiben würde, würde ich das so nicht umsetzen. Es entspricht seiner Person und seiner Zeit, aber es ist für uns nicht mehr hilfreich, es zu lesen.

In diesen frühen Kapiteln ist Thaniel ein ziemlicher Rassist. Er versteht nicht, was da passiert. Er glaubt, dass er in eine Opiumhöhle oder etwas Ähnliches kommt, als er zu Mori geht. Als ich zwei Jahre lang in Japan lebte, bin ich anders an das Land heran gegangen. Ich würde Thaniels Begegnung mit Japan heute anders gestalten. Aber zu der Zeit, als ich die Szenen schrieb, war es viel üblicher, die Denkweise der historischen Figur anzuerkennen, als zu versuchen, eine moderne Denkweise über ein historisches Setting zu legen.

phantastisch-lesen: Ich glaube, es ist wirklich schwer, in der Hinsicht ein Gleichgewicht zu finden. Denn die Leute würden sich auch kritisch äußern, wenn eine historische Person zu modern klänge.

Natasha Pulley: Das wäre sicherlich so. Aber mehrheitlich gilt es jetzt als völlig inakzeptabel, wenn sie wirklich historisch klingen. Das finde ich auf der einen Seite wunderbar und auf der anderen Seite höchst problematisch. Denn im Grunde genommen beschönigen wir damit unsere Sünden. Und das ist nie gut.

phantastisch-lesen: Ist eine Fortsetzung zum „Uhrmacher“ geplant?

The Lost Future of Pepperharrow - Natasha Pulley© Bloomsbury
The Lost Future of Pepperharrow© Bloomsbury

Natasha Pulley: Sie ist sogar schon veröffentlicht. Sie trägt einen schwierigen Titel, der schwer zu übersetzen ist. „The Lost Future of Pepperharrow“ In dem Buch geht Thaniel mit Mori nach Japan. Im „Uhrmacher“ geht es darum, dass Mori in England fremd ist, und in „Pepperharrow“ darum, dass Thaniel in Japan fremd ist.

phantastisch-lesen: Es gibt zwei weitere Bücher, die Du veröffentlicht hast. Wovon handeln diese?

Natasha Pulley: Es gibt ein weiteres Buch mit dem Titel „The Bedlam Stacks“, das in Peru spielt. Es handelt von einer Expedition in den 1850er Jahren. Sie stehlen eine besondere Art von Medikament zur Behandlung von Malaria. Als die Expedition dort ankommt, stellen sie fest, dass im Wald etwas sehr Seltsames vor sich geht.

Das andere Buch „The Kingdoms“ spielt in Schottland während der napoleonischen Kriege, dem Krieg mit Frankreich. Es ist eine Geschichte über einen Mann, der hundert Jahre in der Zeit zurückfällt. In eine alternative Geschichte, in der Napoleon den Krieg gewonnen hat.

phantastisch-lesen: Gibt es Pläne, auch diese Bücher zu übersetzen?

Natasha Pulley: Ich weiß es nicht. Wenn „Der Uhrmacher in der Filigree Street“ gekreuzigt wird, werden sie wahrscheinlich nicht auf Deutsch veröffentlicht werden.

Das Original-Interview mit Natasha Pulley in der Kulturbremse Berlin, 25. Oktober 2021

Übersetzung: Eva Bergschneider

DANKE an Dr. Claudia Rapp und Amandara M. Schulzke für das interessante Gespräch mit Natasha Pulley und DANKE an Natasha Pulley für die erhellenden und spannenden Antworten.

 

 

Ein Gedanke zu „Interview mit Natasha Pulley

  1. Das Buch muß ich haben! Sehr interessantes Interview. Das wäre mein erstes Buch mit Steampunkelementen. 🙂
    Ich hoffe sehr, ihr anderen Bücher werden auch übersetzt, sonst lese ich sie halt auf Englisch.

    Liebe Grüße
    Sandra

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