The Future is Japanese – Nick Mamatas, Masumi Washington, Harikasoru (Hg.)

Wie Autoren aus Japan und Amerika die Zukunft sehen –  eine Sammlung eindrucksvoller Visionen

The Future is Japanese © Harikasoru
The Future is Japanese © Harikasoru

Ein Webbrowser droht damit, die Welt zu erobern. Die längste, einsamste Eisenbahnlinie der Welt. Eine Atombombe aus Nord-Korea  wird auf Tokio abgeworfen, ein hohler Asteroid ist mit Reisfeldern gefüllt, ein professioneller Schlussmacher beendet virtuelle Eheschließungen. Und, natürlich, sind gigantische Roboter dabei. Diese dreizehn Kurzgeschichten über das Land der aufgehenden Sonne schlagen einen Bogen von der Fantasy zum Cyberpunk. Und werden Dich davon überzeugen, das die Zukunft japanisch ist.

In der Kurzgeschichtensammlung “The Future is Japanese” schreiben amerikanische und japanische Science-Fiction und Fantasy Autoren über Zukunftsvisionen in Japan, oder von japanischer Kultur geprägt. Eigentlich ist das eine naheliegende Vorstellung, sich die Zukunft „japanisch“ vorzustellen, oder? Eine Stadt in der Zukunft – wer denkt da nicht an schrill televisionierte Betonwüsten nach dem Vorbild der Megametropole Tokio. Computer, Roboter, kurzum Zukunftstechnologie verbinden wir auch im 21. Jahrhundert mit Japan.

Die Kurzgeschichten:

•    Introduction – Revolting Around a Rising Sun (Nick Mamatas)
•    Mono no Aware (Ken Liu)
•    The Sound of Breaking Up (Felicity Savage)
•    Chitai Heiki Korobῑn (David Moles)
•    The Indifference Engine (Project Itoh, Übersetzung: Edwin Hawkes)
•    The Sea of Trees (Rachel Swirsky)
•    Endastronomy (Toh En Joe, Übersetzung: Terry Gallagher)
•    In Plain Sight (Pat Cadigan)
•    Golden Bread (Issui Ogawa, Übersetzung Takami Nieda)
•    One Breath, One Stroke (Catherynne M. Valente)
•    Whale Meat (Ekaterina Sedia)
•    Mountain People, Ocean People (Hideyuki Kikuchi, Übersetzung Takami Nieda)
•    Goddess of Mercy (Bruce Sterling)
•    Autogenic Dreaming: Interview with the Columns of Clouds (TOBI Hirotaka, Übersetzung: Jim Hubbert)

Und doch beschäftigten sich diese Kurzgeschichten weniger mit technischen Zukunftsentwürfen, sondern eher mit gesellschaftlichen, oder ganz einfach menschlichen Visionen.

„Or the absolutely-positively-not-fake-not-a-simulation-but-real conversion code for the Out Door, derived by a scientist using the secrets of the Pharaohs and the Mayans, giving you unlimited access to everything you wanted and more – contact your more successful self in another timeline and see where you went right, ascend to a higher plane of being, join God’s private club! Or just go to Japan.” [In Plain Sight – Pat Cadigan, S. 183]

Einigen Autoren und ihren Geschichten ist deutlich anzumerken, dass sie Japan-Fans sind und sie sich vielleicht eine japanische Zukunft wünschen. Andere gehen kritisch mit der japanischen Gesellschaft um und halten ihr einen Spiegel vor, indem sie einen fiktiven Blick in die Zukunft werfen.

Der Autor Ken Liu, ein in China geborener Amerikaner, schreibt in „Mono no Aware“ ein kleines Heldenepos. Die Heldentat schließt ausdrücklich nicht nur den japanischen Hauptprotagonisten ein, der in einem Raumschiff mit einer internationalen Restpopulation der Menschheit von der Erde flieht. Aber Hiroto ist sehr stolz auf seine japanische Kultur und handelt so, wie sein Vater es ihn gelehrt hat.

In „Chitai Heiki Korobῑn” erzählt der amerikanische Autor David Moles eine der wenigen Geschichten mit nahezu klassischem Space-Setting. Eine Gruppe besonders begabter Jugendlicher kämpft auf einer Plattform in der arktischen See mit Riesenrobotern gegen die Aliens. Maddy wird beauftragt, den japanischen Kollegen Tanimura zu suchen, und dabei erlebt sie eine Überraschung. Diese Geschichte spielt zwar an einem typischen Science-Fiction Schauplatz, doch letztendlich geht es weniger um einen Zukunftsentwurf und mehr um die moralische Frage nach Gut und Böse. Ein Plot, der klar an die populäre Anime-Serie der 90er Jahre „Neon Genesis Evangelion“ erinnert.

In „The Sea of Trees“, geschrieben von der Amerikanerin Rachel Swirsky, verlassen wir die Science-Fiction und begeben uns zum Fantasy Genre, in eine Geistergeschichte. Sie spielt im Wald der Selbstmörder Aokigahara, in dem die Protagonistin umherstreift und den Yūrei begegnet, Geistern mit langen schwarzen Haaren, gewandet in Kimonos. Dort trifft sie Melon, die aus Amerika anreiste um den Geist ihres japanischen Vaters zu suchen. Die Siebzehnjährige hat ihn nie kennen gelernt bevor er Selbstmord beging. The Sea of Trees“ ist eine stimmungsvolle und fesselnde Geschichte, die ohne spektakuläre Aktionen auskommt, aber mit subtilen Wendungen funktioniert und unterhält.

Whale Meat“ von der in Russland geborenen Amerikanerin Ekaterina Sedia nähert sich einem Thema, für das Japan weltweit hart kritisiert wird, dem Walfang. Doch sie verzichtet bewusst auf einen erhobenen Zeigefinger. Sondern sie erzählt die Geschichte einer Halb-Japanerin aus New Jersey, die ihren Vater in der Heimat besucht. Gemeinsam reisen sie zur russischen Insel Sakhalin, wo ihr Vater den Tod eines japanischen Fischers aufklären will. Sie verzehren dort einen besonderen Fund und Leckerbissen der russischen Fischhändler. Der Plot der Story klagt natürlich die Problematik des Walfangs an, aber beleuchtet eben auch die Isolation dieser Fischer, die gemäß ihrer Tradition leben.

Mit dem Stichwort Isolation, beginnt nun die Betrachtung der Kurzgeschichten, die von japanischen Autoren geschrieben wurden. Wir werden sehen, dass dieses Motiv in ihren Stories ein wesentliches ist.

The Indifference Engine”, geschrieben von Keikaku Project Itoh, ist vielleicht die markanteste und erschütterndste Geschichte in diesem Kurzgeschichtenband. Und auf den ersten Blick gänzlich unjapanisch.
Irgendwo in Afrika kommt ein erbitterter und grausamer Krieg zwischen den Stämmen der Hoa und der Xema zu einem Ende. Man mag zu einer politischen Lösung gekommen sein, doch die traumatisierten Soldaten können vom Hass nicht ablassen. Zu Anfang soll der Erzähler, ein junger Xema-Soldat, seinen Kameraden Ndunga exekutieren. Dieser hat versucht, seine Schwester zu retten, die von einem Hoa vergewaltigt wurde und ein Mischlingsbaby erwartete. Ndunga hat damit eine Verunreinigung der Xema Blutlinie in Kauf genommen und somit Hochverrat begangen. Der Schuss fällt, als die Nachricht vom Kriegsende übermittelt wird.

„The war may be over, [] but we’re still an army here and military rule has to be followed.“ [S. 73]

Die heimatlosen Soldaten werden in einem Institut untergebracht, Xema und Hoa-Soldaten gemeinsam. Dort kommt eine neue Methode zum Einsatz, die den Hass der Stämme aufeinander mindern soll, die „Indifference Engine“. Die Injektion von Nanos bewirkt, dass der Soldat die Welt und speziell den Feind mit anderen Augen sieht.

Ein Übersetzungsfehler (der Originaltext dürfte in Japanisch verfasst sein) führt in dieser Geschichte zu einer kleinen Verwirrung. Die im Institut tätigen Wissenschaftler werden als „Dutch“, also Niederländer bezeichnet. Ihre wissenschaftlichen Begriffe klingen allerdings Deutsch, der Effekt der Nanos wird als „Geistesgestaltbedeutungseinsatzexistenzlokalisierungsveränderungsausführung“ beschrieben. Was dem englischsprachigen Leser vielleicht schmunzeln lässt, bewirkt beim deutschsprachigen Leser erst recht Heiterkeit. Von diesem Spott auf die deutsche Sprache einmal abgesehen könnte die Geschichte kaum ernster sein, Man fühlt sich an die Gräueltaten in Ruanda erinnert, die die Hutu Mitte der 90er Jahre an den Tutsi verübt haben. Der weitere Verlauf der Geschichte atmet dagegen ein wenig „Clockwork Orange“ (Anthony Burgess) Atmosphäre. Jedenfalls geht es um vermeintliche kulturelle Unterschiede, die zu Rassenhass und Gewalt führen. Und um die Frage, welche Mittel recht sind, diesen Hass zu überwinden. Was hat diese Near-Future Story nun mit Japan zu tun? Eine gute Frage, deren Antwort dieser Artikel schuldig bleibt. Man kommt ihr vielleicht näher, wenn man die in den letzten Jahren betriebene Aufarbeitung der Kriegsschuld Japans in Betracht zieht.

Golden Bread“ vom japanischen Autor Issui Ogawa erzählt ebenfalls eine Kriegsgeschichte, allerdings eine aus dem Weltraum. Das der japanischen Tradition folgende Volk der Kalif lebt versteckt auf einem Asteroiden. Die Yamato sind dagegen ein Volk von Eroberern mit amerikanischer Kultur. Ihre Flotte zieht durch den Weltraum, um Planeten zu kolonialisieren. Der Yamato Pilot Yutaka kracht mit seinem Raumschiff in einen Vorratsraum für Reis auf den Asteroiden der Kalif. Ainella pflegt den Verletzten und versorgt ihn mit japanischen Speisen, die dem Fleisch verwöhnten Gefangenen nicht gut schmecken. Yamato möchte so schnell wie möglich zu seiner Flotte zurück. Doch zu seiner Überraschung gewinnt er, trotz aller kulturellen Unterschiede, unter den Kalif einen wahren Freund.

Wie der Titel „Golden Bread“ schon andeutet, lernt der Leser einiges über japanische Küche, wie z.B. „Ohitashi“ oder „Suiton“, kennen. Und natürlich ist Reis ein zentrales Thema, dessen Anbau hier in einer Atmosphäre mit wenig Schwerkraft funktionieren muss. Zu den kulturellen Differenzen gesellen sich angebliche human-physiologische Unterschiede. Ist das Stärke spaltende Enzym Amylase bei Asiaten stärker ausgeprägt? Und die Laktose-Toleranz schwächer? Oder sind die Unstimmigkeiten zwischen Kalif und Yamato nicht einfach in Unwissenheit und Ignoranz begründet? Gerade für die Betrachtung dieser Frage hat sich Issui Ogawa in „Golden Bread“ einen originellen Plot mit überraschendem Finale ausgedacht.

In “Mountain People, Ocean People” von Hideyuki Kikuchi ist das japanische Volk vor tausenden von Jahren getrennt worden. Die Mountain People leben hoch oben im Gebirge unter der ständigen Bedrohung von Alienmonstern attackiert zu werden. Sie haben einen Mechanismus entwickelt, der einzelnen Personen das Fliegen ermöglicht. Zum Schutz des Volks bildet man Wächter aus, die die Angreifer bekämpfen. Der junge Kanaan ist einer von ihnen, er träumt davon, sich zu den Sternen zu erheben. Mit seinen Kameraden Bene und Domino stellt er einen fremden Eindringling. Dieser stellt sich als Takamura vor und behauptet, vom Meeresgrund zu kommen. Er lädt Kanaan ein, sein Volk zu besuchen.

Ein originelles dystopisches Setting an einem extrem lebensfeindlichen Schauplatz hat sich der Japaner Kikuchi für die Kurzgeschichte “Mountain People, Ocean People” ausgesucht. Auch in dieser Geschichte geht es um die kulturelle Identität Japans in einer fernen Zukunft, sowie um die Unkenntnis der kulturellen Ursprünge durch Isolation und Vergessen. Und um die Überwindung dieser scheinbar unüberwindbaren Trennung durch einen verträumten, jungen Mann. All das verarbeitet der Autor in einer spannenden und düsteren Story mit einem unerwarteten Ende.

Fazit:

Amerikanische und japanische Autoren haben in „The Future is Japanese“ Phantastik-Geschichten unterschiedlichster Couleur zusammen getragen, die lediglich einen Hang zu Zukunftsvisionen und der japanischen Kultur gemeinsam haben. Bei aller Themen- und Handlungsvielfalt zeichnet sich besonders in den Geschichten der japanischen Autoren das Motiv der kulturellen Identität als roter Faden ab. In diesem Motiv spiegelt sich sicherlich die Isolation Japans wieder, in der Geschichte des Landes begründet und auch durch die geographische Lage bedingt. Nicht zuletzt Japans imperialistisches Streben in Asien vor und während der Weltkriege, sowie die beispiellose Zerstörung der Städte Hiroshima und Nagasaki durch amerikanische Atombomben haben das Volk und seine Kultur von der Asiens und auch von dem Rest der Welt abgesondert. Eine Kluft, die in der zweiten Hälfte des  20. Jahrhundert infolge des technologischen Fortschritts Japans und der internationalen Wirtschaftsbeziehungen überwunden wurde.
Alles was wir heute mit Japan assoziieren, sowie einige kulturelle Aspekte, die viele Leser bisher vielleicht nicht mit Japan in Verbindung brachten, projizieren diese dreizehn japanischen oder Japan nahe stehenden Autoren in die Zukunft. Sie formen daraus visionäre Geschichten, die in Sprache; Handlung und Aufbau eine einzigartige Vielfalt bieten. Dennoch atmet jeder einzelne Geschichte das geheimnisvolle Flair Japans.

Diese Rezension von mir, Eva Bergschneider, erschien bereits im Magazin PHANTAST#12 – Fernost

The Future is Japanese
Nick Mamatas, Masumi Washington, Harikasoru (Hg.)
Science-Fiction
Haikasoru
15. Mai 2012
365

Funtastik-Faktor: 85

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