Das Buch der Augen – Swantje Niemann

Dämonen und Depressionen

Das Buch der Augen - Swantje Niemann © Edition Roter Drache(Anke Koopmann)
Das Buch der Augen © Edition Roter Drache

Renia wurde gerade von ihrer Uni in Schottland exmatrikuliert und von ihrer Freundin Alice für eine andere verlassen. Sie fährt zurück in ihre Heimatstadt Berlin, wo sie noch nicht einmal eine Bleibe hat. Denn ihre Eltern befinden sich in Südamerika zu einem Forschungsaufenthalt und ahnen wenig von der prekären Situation, in der sich ihre Tochter befindet. Denn da ist noch mehr.

Renia machen nicht nur Einsamkeit und Perspektivlosigkeit zu schaffen. Sondern auch stetige Gedanken darum, wie ein Hungergefühl überwunden und das wenige, sich selbst zugestandene Essen aufs Gramm genau portioniert wird. Und dann sind da noch diese Bilder von einer dystopischen grauen und einer furchterregenden roten Welt mit Monstern, die bei Tag und Nacht in Renias Kopf kreisen. Sie hört die Wesen ihren Namen rufen. Ist das alles nur Einbildung, wie ihr Vater ihr versichert? Großtante Katharina ist da anscheinend anderer Meinung.

Sie bietet Renia eine kleine Wohnung neben ihrer eigenen in Berlin Charlottenburg an. Dafür erwartet sie etwas Hilfe im Haushalt und Dienste als Chronistin. Katharina möchte, dass Renia die Familiengeschichte der Sagerts aufschreibt: eine Geschichte von Dämonenjagenden.

Bei Recherchen zur Familiengeschichte entdeckt Renia ein Institut mit Mitarbeiter:innen, die ein Grauschleier umweht. Als eine der vermeintlichen Institutsangehörigen ihr folgt, Unterlagen zu stehlen versucht und mit Katharinas Schwert vor der Nase Fragen beantwortet, wird der Horror zur Gewissheit: Diese anderen Welten, die Renia sieht, sind real. Es gibt Menschen, die diese besuchen, um gegen Dämonen zu kämpfen. Als auch noch eine junge Kundin aus dem Späti, in dem Renia arbeitet, verschwindet und sie ihre Leiche in der Grauzone entdeckt, trifft sie eine Entscheidung: Renia schließt sich den Dämonenjagenden an. Denn eines der Monster hat es auf sie abgesehen.

Authentisch bis zur Schmerzgrenze

Swantje Niemanns literarisches Schaffen begann mit der „Drúdir“ Steamfantasy-Trilogie deren Bände „Dampf und Magie“, „Masken und Spiegel“ und „Schatten und Scherben“ von 2016 bis 2020 beim Verlag Edition Roter Drache erschienen. Mit „Das Buch der Augen“ wechselte sie ins Urban-Fantasy Genre. Allerdings ist der Roman nur bedingt mit anderen Urban-Fantasy Werken zu vergleichen, in denen junge, gutaussehende Protagonist:innen ihre magischen Fähigkeiten entdecken, diese zum Schutz der Welt für den Kampf gegen Dämonen einsetzen und dem einen oder anderen Love-Interest begegnen. All das wird auch in „Das Buch der Augen“ thematisiert. Trotzdem liest es sich eher wie ein Mix aus Biographie und Dark-Fantasy. Und das liegt daran, dass die Geschichte eine außergewöhnliche Authentizität auszeichnet.

Die Autorin schreibt im Nachwort und im Werkstattbericht im PHANTAST-Magazin 26, dass eigene Erfahrungen die Grundlage für die Anorexie sind, an der die Protagonistin leidet. Diese Tatsache, die Erzählung aus der Ich-Perspektive und eine Schreibe, die mit wenigen Worten eine vielschichtige und tiefgründige Tragödie auszudrückt, sorgen dafür, dass Renias Schicksal die Leser:innen mehr als nur berührt. Sondern so tief unter die Haut geht, dass es weh tut. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der folgende Satz:

„Dennoch – etwas an der Verzweiflung von Menschen, die jemanden an einen Suizid verloren hatten, machte mich nervös. Sie baute Hindernisse vor eine Tür, die ich eines Tages brauchen könnte.“ [S. 48]

Trotzdem kann ich die Wortgewandtheit und Ausdrucksstärke der Autorin einmal mehr nur bewundern. Und habe viel Freude daran, sie zu lesen.

Die Suche nach Glück erfordert Selbsterkenntnis und Dämonenleichen

Es tröstet Renia und die Leser:innen über die Tristesse der beschriebenen Lebenssituation und der mitschwingenden Melancholie hinweg, dass sie eine Aufgabe findet. Und ehrgeizig genug ist, sich Hals über Kopf hineinzustürzen. Zuerst spürt sie den Parallelwelten und Dämonen in den Erzählungen ihrer Großtante und deren Aufzeichnungen nach. Und schließlich folgt sie ihnen mit Gleichgesinnten in ihre Welt, um sie zu töten. Großartig arbeitet Swantje Niemann heraus, dass Renia oft auf des Messers Schneide zwischen Todessehnsucht und Lebenswillen wandelt. Und durch Liebe und Freundschaft einen Grund findet, am Leben zu hängen.

So beinahe kitschig, wie dies klingt, ist das Buch nicht einmal ansatzweise. Denn der Weg führt durch ein furchteinflößendes Diesseits mit vielen erschöpfenden Trainingseinheiten, grausigen Begegnungen und knochenharten Kämpfen gegen boshafte, manipulative und todbringende Dämonen. Was die Autorin ihrer Protagonistin zumutet, erinnert ein wenig Alex‘ Martyrium in „Das Neunte Haus“ von Leigh Bardugo. Der wichtigste Unterschied besteht allerdings darin, dass sie ihr eher psychische statt physischer Schmerzen zufügt und ihr keinerlei übernatürliche Fähigkeiten gönnt. Renia kämpft mit Hirn, Perfektionismus, Sturheit, Stich- und Feuerwaffen.

Fazit

„Das Buch der Augen“ liest sich wie ein moderner Urban-Fantasy Roman mit glaubwürdigen queeren Charakteren. Dahinter versteckt sich jedoch eine Parabel über psychische Erkrankungen. Das Flüstern der Dämonen weist eine frappierende Ähnlichkeit mit der inneren Stimme der Essstörung auf: die gleiche manipulative Kraft, die auf einen Weg zur letzten Reise verleitet. Die Geschichte erzählt über eine Art von Leiden, die Betroffene und enge Vertraute erst dann wahrnehmen, wenn es fast zu spät ist. Und über die Hoffnung, dass es einen Weg hinaus gibt und sich der Kampf zurück ins Licht lohnt. Diese Zuversicht spiegelt sich unter anderem humorvoll in der „Ballade über die Erschaffung des Faultiers“ wider, die mit dem Vers endet

„Du bist willkommen in der Welt“ [S. 257/258]

Eva Bergschneider 

Triggerwarnung: Anorexie, Gewalt, Tod, Todessehnsucht, Suizid, Waffen

Das Buch der Augen
Swantje Niemann
(Dark) Fantasy
Edition Roter Drache
August 2021
Buch
346
Anke Koopmann
90

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