Geschichten aus dem gefährlichen Königreich – J.R.R. Tolkien

Tolkiens Märchen

Geschichten aus dem gefährlichen Königreich - J.R.R. Tolkien © Klett-Cotta
Geschichten aus dem gefährlichen Königreich © Klett-Cotta

„Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ ist eine Sammlung von fünf phantastischen Erzähltexten, die ursprünglich unabhängig voneinander veröffentlicht wurden: den zwei Abenteuergeschichten „Bauer Giles von Ham“ und „Roverandum“, den Gedichten bzw. Verserzählungen „Die Abenteuer des Tom Bombadil“, schließlich den beiden kontemplativen Geschichten „Der Schmied von Großholzingen“ und „Blatt von Tüftler“. Das Layout ist angenehm gestaltet, der Text angereichert mit sehr feinen Bleistiftzeichnungen von Alan Lee.

Bauer Giles von Ham

Handlungsort ist das Mittlere Königreich in Britannien, kurz nach dem Ende der römischen Herrschaft. Bauer Giles lebt im Dorf Ham. Er ist ein durchschnittlicher Typ, ängstlich, übergewichtig, eitel, schätzt die Tätigkeiten des Essens und Trinkens, und er zieht ein beschauliches Leben mit Frau und Hund dem Abenteuer und der Aufregung vor. Eines Nachts kommt ein Riese nach Ham. Der ist kurzsichtig und recht taub, dumm und rücksichtslos, hat sich verlaufen und richtet einigen Schaden an. Giles vertreibt ihn mit seiner Donnerbüchse, deren Trefferwirkung der Riese für Insektenstiche hält, weshalb er den ihm unangenehmen Ort verlässt. Giles wird von den Dorfbewohnern zum Helden erklärt, bekommt vom König ein Anerkennungsschreiben und das magische Schwert Schwanzbeißer.
Der Riese erzählt zuhause von einer netten Gegend mit viel Futter. Dies bringt den Drachen Chrysophylax dazu, nach Ham aufzubrechen, und bald schon sieht sich Giles in der für ihn unschönen Situation, für das Königreich als Drachentöter auftreten zu müssen.

Die Geschichte wurde 1937 geschrieben, dem Jahr der Publikation von „Der Hobbit“, und 1949 erstveröffentlicht. Beide Geschichten weisen Verbindungen auf. Beispielsweise ähnelt Giles ein wenig Bilbo, beide werden zu Helden wider Willen. Beide Stories enthalten ein magisches Schwert namens Schwanzbeißer bzw. Beißer und einen Drachen mit einem riesigen Schatz.

Roverandom

Als der kleine Hund Rover dem Zauberer Artaxerxes ein Stück Stoff aus der Hose beißt, wird er zur Strafe in einen kleinen Spielzeughund verwandelt. Rover landet in einem Spielwarengeschäft, von dem eine Odyssee ihren Ausgang nimmt. Vom Zauberer Psamathos Psamathides wird er vor der Flut gerettet, bekommt seine Bewegungsfähigkeit zurück, bleibt vorerst jedoch klein. Psamathos schickt ihn mit seiner Post-Möwe zum Mond. Dort gibt es bereits einen Hund namens Rover, der ihn Roverandom nennt. Er erhält Flügel und erlebt mit Rover Abenteuer, darunter mit Riesenspinnen und einem Drachen. Zurück auf der Erde setzen sich seine Abenteuer in den Tiefen der Meere fort, bis er schließlich wieder seine ursprüngliche Gestalt erhält.

Die Geschichte entstand im Jahr 1925 und wurde 1998 posthum veröffentlicht. Sie besteht aus fünf Kapiteln, ist episodisch erzählt und enthält im Unterschied zu den anderen Geschichten der Sammlung eine Vielzahl Märchenmotive. Zwar wird ähnlich Giles auch Rover in Abenteuer verwickelt. Aber anders als dieser begegnet er der Herausforderung auf kindlich-neugierige Weise. Auch „Roverandom“ weist einige Verbindungen zur später entstandenen Hobbit-Erzählung auf: die Mondspinnen, den großen weißen Drachen, die Zauberer.

Die Abenteuer des Tom Bombadil (und andere Gedichte)

Der Zyklus wurde 1961 veröffentlicht und besteht aus sechzehn Gedichten, von denen zwei sich unmittelbar mit der Hauptfigur befassen. Im Titelgedicht begegnet Tom am Fluss der Wassernymphe Goldbeere. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die gegen Widerstände kämpfen muss. „Tom geht rudern“ erzählt von Toms Reise ins Auenland, wo er den Hobbit Maggott besuchen will. Tom Bombadil scheint in Harmonie mit der Natur zu leben, die zugleich ein Teil von ihm ist und über die er teils Macht hat. Sein Zugang zum Leben ist beobachtender und kontemplativer Natur.
„Irrfahrt“ hat eine klassische Konstellation zum Thema: ein Seefahrer wird von der Auserwählten abgelehnt und zieht in den Krieg. Weiter gibt es Gedichte über Trolle und Tiere, den Mann im Mond, eine Elfe, eine Schattenbraut, ein Meerungeheuer und andere mehr.

Ein paar Gedichte („Prinzessin Ich-Mi“, „Fastitokalon“, „Schattenbraut“, „Irrfahrt“) sind Nonsensgedichte, andere von den Hobbits adaptierte fremde Sagen („Der Mann im Mond kam viel zu früh“ und „Das letzte Schiff“). Tolkien spielt auch mit dem Limerick („Der Mann im Mond trank gutes Bier“).

Längst nicht alle Gedichte sind lustig. Tolkien adressiert ernsthafte Themen in tragischen Balladen, den immerwährenden Kreislauf der Gier und Vernichtung, der nur von Geschöpfen unterbrochen werden kann, die diese Gier nicht kennen.

Der Schmied von Großholzingen

In Großholzingen findet alle 24 Jahre das Fest der guten Kinder statt, bei dem 24 Kinder vom Großen Kuchen essen. In diesem sind 24 Gegenstände verborgen. Der unfähige Nachfolger des letzten Kochs steht vor dem Problem, den Kuchen für das nächste Fest zu backen. Er überträgt die Aufgabe seinem Lehrling Stift. Dieses Mal enthält der Kuchen einen Elbenstern und auf der Spitze eine Nachbildung der Elbenkönigin.
Ned, der Sohn des lokalen Schmieds schluckt den Stern, ohne dies zu bemerken. Ab seinem zehnten Geburtstag trägt er ihn als Mal auf der Stirn. Durch den Stern erhält er Zugang zum Reich der Elben. Im Verlauf seines Lebens besucht er immer wieder mal dieses magische Reich, erlebt dort aufregende Dinge, bis er nach 24 Jahren beim nächsten Fest den Gegenstand in den neuen Kuchen einbacken lässt.

Die Geschichte wurde 1967 in der Weihnachtsausgabe der Zeitschrift ›Redbook‹ erstveröffentlicht. Den Ausgangspunkt bildete Tolkiens Versuch, den Begriff ›Faërie‹ am Beispiel einer kurzen Geschichte zu erklären.
Es ist eine Geschichte der notwendigen Grenzüberschreitung, die zeigt, dass die Märchenwelt bei allen Bemühungen die große Unbekannte bleibt. Dennoch ist es für die innere Balance wichtig, diese Welt beizeiten und immer wieder mal aufzusuchen.

Blatt von Tüftler

Tolkien hat den Text um 1938/39 geschrieben und im Januar 1945 in ›The Dublin Review‹ veröffentlicht. Der Maler Tüftler lebt in einer Welt, welche die Kunst nur gering schätzt. Er malt ein Blatt, der zu einem Baum wird, der wiederum Bestandteil eines Waldes wird. Er gibt sich ganz dem kreativen Gedanken an sein ultimatives Werk hin, das seiner Transzendenz dient.
Während er sich mit unscheinbaren Feinheiten des Blattes beschäftigt, wird er immer wieder gestört, durch seinen Nachbarn, den Gärtner Paris, und seine Umgebung.
Tüftler kann sich offenbar nicht wirklich konzentrieren und seine Zeit sinnvoll organisieren, etwas, was er später in einer anderen Welt lernt. Die Reise des Künstlers auf dem Weg zur Schöpfung seines Meisterwerkes bringt ihn in eine neue Wirklichkeit, die der seines wichtigen letzten Bildes gleicht.

„Blatt von Tüftler“ enthält philosophische Gedanken zum schöpferischen Prozess eines Künstlers und bekommt dadurch eine allegorische Facette. Den Text durchzieht die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Kunst und damit auch des Künstlers.

Das gefährliche Königreich

Die erste deutschsprachige Ausgabe der Erzählungen erschien 1975 unter dem Titel „Fabelhafte Geschichten“ und enthält „Bauer Giles von Ham“, „Der Schmied von Großholzingen„ und „Blatt von Tüftler“. In enger Beziehung zu diesen Texten steht Tolkiens Essay „Über Märchen“, der aktuell lieferbar ist im 1984 veröffentlichten Essayband „Gute Drachen sind rar“.

In dem Märchenessay schreibt Tolkien, ›Faërie‹ sei ein gefährliches Land voller Fallgruben und dunkler Kammern. Dieses Land ist das den Titel der Sammlung gebende ›gefährliche Königreich‹. Die Erzählungen in diesem Buch sind über einen Zeitraum von rund vierzig Jahren (1925-1967) entstanden und dokumentieren die unterschiedlichen Zugänge Tolkiens zum „gefährlichen Königreich“.

Manche der Geschichten ist vielleicht schon aus der Kindheit oder Jugend bekannt. Als erwachsener Mensch liest man sie, die Kindheit im Rückspiegel, mit anderen Augen, weil man eine Wahrnehmung für ihre Tiefendimension hat, vielleicht sogar Interesse daran, sich den alten Erzählungsschatz, der in ihnen mitschwingt und ohne den es sie vielleicht nicht gäbe, über Sekundärliteratur zu erschließen. Kurz: ein auf mehreren Rezeptionsebenen reichhaltiges Lektüreerlebnis.

Eine Gastrezension von Almut Oetjen – Danke!

Geschichten aus dem gefährlichen Königreich
J.R.R Tolkien
Fantasy
Klett-Cotta
2011
333

Funtastik-Faktor: 82

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