Vor dem Fall – Francis Knight

Rojan Dizon bringt Licht ins Dunkel

Vor dem Fall - Francis Knight © Papierverzierer Verlag
Vor dem Fall © Papierverzierer Verlag

Rojan geht seiner Profession als Schmerzmagier weiterhin im Geheimen nach, obwohl die Magie in Mahala nicht mehr offiziell verboten ist. Mit Pasha, dem im Auftaktband „Weg ins Nichts“ befreiten Schmerzmagier aus der Unterstadt, hält er notdürftig die Energieversorgung aufrecht. Doch Mahala braucht dringend mehr Schmerzmagier. Geeignete Kandidaten, junge Menschen, die gerade ihre Fähigkeiten entdecken, fallen jedoch Mordanschlägen zum Opfer.

Die Unterstädter drängen in die armen Gebiete der Oberstadt und sind dort nicht gern gesehen. Das ‚Fremde‘ empfinden die Bürger Mahalas als Bedrohung. Allein Vater Guinto, der in einen Tempel der regierungskonformen Religion predigt, nimmt sich der Unterstädter an. Obwohl diese mehrheitlich der archaischen Rituale des Glaubens anhängen, die das Ministerium verboten hat und per Inquisition verfolgt. Rojan ist überzeugter Atheist. Doch Pasha gibt der alte Glaube Kraft, obwohl die Religion seine Schmerzmagie für verwerflich hält. Dass die Inquisition auf den Plan tritt, um Ketzer zu liquidieren, erleichtert den beiden die Suche nach den Mördern nicht gerade. Die Anschlagsserie weitet sich zudem auf Personen aus Rojans Umkreis aus. Und es geht das Gerücht um, dass Soldaten aus Storad, einem Nachbarstaat Mahalas, vor den Toren stehen, um die marode Stadt anzugreifen.

Mehr Konzentration auf das Wesentliche

Der Auftaktband „Weg ins Nichts“ stellte (zu) ausführlich die vertikale Stadt Mahala, ihre von unten nach oben angeordneten Bezirke, ihre Regierung und die Religion vor, was oft wie Info-Dumping wirkte. Diese Flut an Informationen bremste die Dynamik der eigentlich rasanten Handlung aus. Im zweiten Band „Vor dem Fall“ wiederholt die Autorin an einigen Stellen Details aus dem ersten Teil, was das Erzähltempo erneut einschränkt. Überwiegend spielt sich das Geschehen jedoch schnell, mit rasch aufeinanderfolgenden Wendungen ab, wie es die Fans des Cyberpunk an diesem Genre lieben. Morde, politischen Konflikte und Glaubenskriege drohen der ohnehin ums Überleben kämpfenden Metropole endgültig den Garaus zu machen. Nicht immer gelingt es Francis Knight die wechselnden, logischen Abfolgen sauber zu konstruieren, was aber nicht so gravierend ist, dass es nachhaltig stören würde.

Schmerzmagier und Privatschnüffler Rojan durchläuft in „Vor dem Fall“ eine interessante Entwicklung. Sein Möchtegern-Machogehabe wirkt angesichts der übersichtlichen Ausbeute an eroberten Frauen auf ironische Weise erheiternd. Auch den zur Schau gestellten ‚harten Kerl‘ nimmt dem unglücklich Verliebten niemand mehr ab. Der Protagonist verabschiedet sich zunehmend von der Selbstinszenierung als gefühlloser Dreckskerl und reiht sich auf der Seite der ‚Guten‘ ein. Dieser Wandel steht Rojan gut zu Gesicht und macht ihn glaubwürdiger.
Pasha, Kumpel und Liebhaber von Rojans angebeteter Jake, kommt ebenfalls besser zur Geltung, während die Dame eher blass bleibt. Das ist schade, denn im Auftaktband war Jake eine der spannendsten Figuren. Etwas mehr Konfliktpotential hätte dieser Dreiecksbeziehung mehr Esprit verliehen und sie interessanter gemacht.

Der Stadtstaat Mahala wächst in dem Sinne über sich hinaus, das wir nun mehr Details über die Länder jenseits der Stadtgrenzen erfahren. Wir lernen einen politischen Feind von außerhalb kennen, was den Weltenbau facettenreicher macht. Der dritte Band „Der letzte Aufstand“ verspricht ausführlicher auf dieses Thema einzugehen

Witz und Gefühl zwischen derben Sprüchen

Sprachlich hat sich die Reihe ebenfalls weiterentwickelt, denn die Erzählung ist nicht mehr ganz so düster und somit vielschichtiger gestaltet. Francis Knight lässt neben sensiblen Passagen, derben und schwarzen Humor einfließen, ohne dass dieser platt wirkt. Die Übersetzerin Melanie Vogltanz hat überzeugende Arbeit geleistet, um diesen speziellen Stilmix treffend ins Deutsche zu übertragen. „Vor dem Fall“ demonstriert somit eine spannende Cyber-Fantasy Story in einem dystopischen Set, gezeichnet in mannigfaltigen Grau- und Schwarztönen, durch die bisweilen Lichtreflexe als Hoffnungsschimmer tanzen.

Eva Bergschneider

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Vor dem Fall
Rojan Dizon Reihe - Band 2
Francis Knight (Übersetzung: Melanie Vogltanz)
Science-Fiction/Cyberpunk/Fantasy
Papierverzierer
August 2015
420

Funtastik-Faktor: 77

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